Rote Flüh „Im Westen nichts Neues“

Während an der Südwand der Roten Flüh alle logischen Linien bereits erschlossen sind, kreierte ich an der Westwand eine Neutour die eigentlich nur zwei vergessene Wege miteinander verbindet. Was dabei heraus kam, beschreibe ich hier… 

 

Vergessene Routen an der Westwand
Im westlichen Teil der Roten Flüh Südwand gibt es einige ältere Routen und Baseclimbs, die mehr oder weniger nie geklettert werden. So entdeckte ich bei der Erstbegehung von „Sturm im Paradies“ 8+ eine logische Verbindung des Baseclimbs „Lorbeerblatt“ 7+ von Toni Freudig aus den Achtziger Jahren und der alten Technoroute „Westverschneidung“ VI/A2.

Die Linienführung
„Lorbeerblatt“ zieht über einen kompakten Wandgürtel auf einen Pfeilerkopf. Auf diesem befindet sich der letzte Abseilstand der Abseilpiste von der Roten Flüh. Etwas rechts oberhalb beginnt eine Plattenwand, die sich bis unter einen sichtbaren Riss fortführt. Genau über jene Platten leitet meine Linie zur Westverschneidung. Bevor diese jedoch erreicht wird, ist ein kurzer Überhanggürtel mit etwas splittrigem Fels zu überwinden, welcher auch die technische Schlüsselstelle darstellt. Die athletische Crux folgt zugleich in der nächsten Seillänge, am Einstieg der Verschneidung. Nach kraftvollen Piazzügen ist erst einmal ein „kurzer Zwischenstopp“ angesagt. Denn genau beim „Halteverbotsschild“ befindet sich der letzte Stand und ein Wandbuch. In dieses eingetragen, spreizt man genüsslich dem Ausstieg entgegen.

Der Name
„Im Westen nichts Neues“ ergibt sich aus der Tatsache, dass von mir zwei bestehende, jedoch so gut wie nie gekletterte Routen, miteinander verbunden wurden.
Aus der „Westverschneidung“ entfernte ich Fußball große Gesteinsbrocken, säuberte den Riss von Dreck und Gras, und ersetzte die alten Rosthaken/Holzkeile durch Schwerlastanker.
Im „Lorbeerblatt“ wurden nur zwei in die Jahre gekommene Bohrhaken durch neue ersetzt und ein Standplatz eingerichtet. Durch diese Maßnahmen ist nun eine Route entstanden, die ansprechende, aber dennoch alpine Kletterei verspricht.

Die einzelnen Seillängen
Schon im „Lorbeerblatt“, den Toni Freudig in den Achtziger Jahren nur mit 7+ bewertete, warten delikate Stellen in einer schier unvorstellbar glatten Platte. In der zweiten Seillänge geht es im gleichen Stil weiter, nur bedeutend leichter. Die dritte Seillänge sieht etwas „alpin“ aus, ist aber besser als der erste Eindruck vermittelt. An der Schlüsselstelle sollte man sich im gelben Fels nicht zu weit nach links orientieren, da es dort sehr brüchig wird. Ein kleiner Pfeil weist den direkten Weg über die Haken. Am nächsten Stand angekommen, steht man nun genau unter der Verschneidung, die über einen Überhang zu erreichen ist. Hier heißt es kräftig zupacken, da gute Tritte vermisst werden. Im Riss selbst kann man einen mittleren Friend/Camalot hervorragend platzieren, um eine übermäßige Ausschüttung von Stresshormonen zu vermeiden. Die letzte Seillänge wird genussvoll in Spreiztechnik mit „viel Luft unter den Sohlen“ überwunden.

Die Abseilpiste

Am Ausstieg der Route sollte man sich getrost eine Verschnaufpause gönnen. Denn die herrliche Aussicht, gerade in Verbindung mit der untergehenden Sonne im Abendlicht, krönt einen schönen Klettertag. Mit einem 50 Meter Doppelseil gleitet man schnell und bequem über die zuvor begangene Route wieder zu Tal. Was dabei nicht vergessen werden sollte , ist das Einhängen einiger Zwischensicherungen im überhängenden Wandbereich. Denn erst jetzt wird die Steilheit wirklich spürbar.

Zu beachten:
Wer am Wochenende bei viel Betrieb in den Tannheimern erst nachmittags in die Route einsteigt, sollte in der ersten Seillänge „Lorbeerblatt“ auf Steinschlag von oben (Abseilpiste) achten. Unachtsame Kletterer sind genügend unterwegs…