Gimpel Nordwand „Gimpelperle“

Interessantes Neuland
Während meiner Erstbegehung „Schrei aus Stein“ an der Gimpel Nordwand genoss ich an den Standplätzen die herrliche Aussicht. Beim Umherschweifen meiner Blicke fiel mir die Gimpel Nordostkante ins Auge, die erst im Mittelteil, nach den steilen und kompakten Ausläufern der Nordwand in eine wirklich ausgeprägte Kante übergeht. Auf Grund meiner Gebietskenntnisse wusste ich, dass es dort eine alte Route gibt, die aber nur im obersten, leichten Teil die eigentliche Kantenlinie verfolgt. Der untere, kompakte und teilweise überhängende Bereich wurde damals umgangen. Das war auch nicht anders lösbar, da die Schwierigkeiten im zentralen Wandteil den sechsten Grad bei weitem überschritten hätten und eine Absicherung ohne Bohrhaken extrem gefährlich gewesen wäre.
Also gab es noch interessantes Neuland…

Ein Projekt muss in meinen Visionen wachsen
Wie schon bei „Schrei aus Stein“ und all meinen anderen Erstbegehungen musste das Projekt erst in meinen Visionen wachsen, bevor ich eine Erstbegehung in Erwägung gezogen hätte. So legte ich ein Bild der Gimpel Nordostkante mit einer von mir eingezeichneten fiktiven Linie in meinen Ordner „Projekte“ auf meinem Computer ab.

Die Zeit war reif für eine Erstbegehung
Im Frühjahr 2008, als ich den besagten „Projekte-Ordner“ wieder einmal öffnete, spürte ich, dass die Zeit reif war. Die Verwirklichung einer neuen, direkten Route an der Gimpel Nordostkante stand auf dem Plan. Anfang Juni radelte ich mit Lena zur Otto Mayr Hütte, doch nicht nur um des Radelns Willen, sondern um den unteren, steilsten Teil der Nordostkante begutachten zu können. Und ich wurde nicht enttäuscht. Der Fels ist kompakt, teilweise löchrig und wasserzerfressen. Doch leider auch lange nass, hauptsächlich im Frühjahr, wenn noch Schneereste in den Flanken liegen.
So vereinbarte ich mit Niels Delenk (mein Partner am Mt. Kenia) Ende Juni ein langes Wochenende auf der schönen Otto Mayr Hütte, um die neue Linie anzutesten. Unsere Hoffnung, dass sich zu diesem Zeitpunkt eine Hochdrucklage einstellt, wurde erhört.

430 Meter lange und mit Bohrhaken gesicherte Route
Wir kamen schnell voran und schafften trotz einiger naher Gewitter in 3-tägiger Kletterei eine 430 Meter lange, durchgehend mit Bohrhaken abgesicherte Route im sechsten bis unteren achten Schwierigkeitsgrad.

Von einem hereinbrechenden Gewitter überrascht
Am vierten Tag stand zum krönenden Abschluss noch die Rotpunktbegehung aller Seillängen zusammen mit Lena und Nies an. Und wieder, wie so oft in der Gimpel Nordwand, wurden wir nach einem herrlichen Vormittag mit viel Sonne plötzlich von einem hereinbrechenden Gewitter überrascht. Aus diesem Grund mussten wir das Wandbuch schon in der vorletzten Seillänge befestigen, um so schnell wie möglich über die eingerichtete Abseilpiste aus der Gefahrenzone zu kommen. Glücklicherweise schafften wir es dann auch wirklich und waren froh, nicht in die Steinschlag auslösenden Sturzbäche geraten zu sein. Erst als wir uns nur noch wenige Meter vor der Hütte befanden, brach das Gewitter mit aller Heftigkeit los.

Schöner als jedes gewonnene Fußballspiel
Bei einer Radlermaß und einer kräftigen Brotzeit saßen wir mit den Wirtsleuten zusammen in der Hütte um einen kleinen Fernseher und feuerten die Deutschen Fußballer beim Europameisterschaftsendspiel mit unseren letzten noch vorhandenen Kräften an.
Leider hat es nichts genützt. Das Spiel wurde verloren. Und trotzdem gingen wir drei zufrieden ins Bett, weil dieser Klettertag für uns schöner war als jedes gewonnene Fußballspiel.