NIAD – Nose in a day

Big Wall Klettern im Yosemite Valley Nationalpark
Der Bergführer Walter Hölzler hat sein Leben ganz den Bergen verschrieben. Schon seit vielen Jahren gehört er zu den bekannten Extremkletterern in Deutschland. So durchstieg er eine Großzahl der schwierigsten Steilwände in den Alpen und stand bereits mit 21 Jahren als jüngster Europäer auf einem 8000 Meter hohen Gipfel im tibetischen Himalaja. Besonders hervorzuheben ist dabei die Art seiner Begehung. Denn nur „by fair means“ im Alpinstil ohne künstlichen Sauerstoff und Hochträger wird ein solcher Erfolg in Insiderkreisen wirklich anerkannt. Doch nicht allein die Herausforderung in Schnee und Eis reizen den Extremsportler, auch in vielen anderen Disziplinen des modernen Alpinismus hat er bereits beachtliche Leistungen erzielt. Seine bisher letzte Herausforderung führte ihn nach Amerika, genauer gesagt nach Kalifornien. Das wäre nichts außergewöhnliches, stünde nicht dort der größte Monolith der Erde…

Die Geschichte des Yosemite Tales
Das Yosemite Valley liegt ca. 300 Meilen südöstlich von San Franzisko und gehört zu den beliebtesten Nationalparks Amerikas. Bereits vor 4000 Jahren besiedelten Ahwahnechee Indianer die fruchtbare Gegend und lebten dort im Einklang mit der reich vorhandenen Tierwelt. Erst als Mitte des 19. Jahrhunderts weiße Abenteurer auf der Suche nach Gold das Tal entdeckten, begann ein unerbitterlicher Krieg. Herbeigerufene Soldaten der United States Army eroberten rücksichtslos das Land und nannten es von nun an „Yosemite“. Ausschlaggebend dafür war die Vermutung, es sei der der Name des Indianerstammes gegen den gekämpft wurde. Erst später stellte sich heraus, dass die verzweifelten Yosemite Rufe der Einheimischen „sie töten uns“ bedeutet. Und das war in der Tat so, denn am Ende des Konflikts war das Tal verbrannt und mit Blut getränkt.
Schnell stellte man fest, dass hier kein Gold zu finden war. Um dennoch die Eroberung zu rechtfertigen, kam man auf die glorreiche Idee, Touristen auf die Naturschönheiten aufmerksam zu machen. Bereits 1879 entstand das erste Hotel im Valley, was zu einem in diesem Ausmaß unerwarteten Besucher- und Geldstrom führte. Doch auch die negativen Folgen des Massentourismus blieben nicht aus. Wälder wurden gerodet, Straßen und Häuser gebaut, Müll häufte sich an. Um diese und weitere unreparable Schäden zu vermeiden, setzten sich Naturschützer für die Entstehung des ersten Nationalparks in Amerika ein. Nach einer persönlichen Begutachtung durch den damaligen Präsident der Vereinigten Staaten, Abraham Lincoln wurde am 30. April 1864 die Gründung des Yosemite Valley Nationalparks schriftlich manifestiert.

Bis heute ist das Interesse an den einmaligen Naturschönheiten ungebrochen. In Spitzenzeiten reisen täglich rund 15.000 Besucher in die Heimat der Ahwahnechee Indianer, von denen nur noch Bilder im Museum existieren.

Die Klettergeschichte des El Capitan
Am Eingang des Tales findet man auf einem spartanisch eingerichteten Campingplatz, dem legendären Camp 4, eine Gruppe von Abenteurern, die sich von den übrigen Touristen stark unterscheiden. Mit großen Materialsäcken, Seilen und Sicherungsgeräten bereiten sich Kletterer aus der ganzen Welt auf die Verwirklichung jahrelang gehegter Träume vor. Die begehrtesten Ziele sind die steilsten und höchsten Granitwände Amerikas. Zum einen lockt die 800 Meter glatte Nordwand des Half Domes, dessen Form einer durchtrennten Halbkugel gleicht. Und zum anderen ist es die 1000 Meter senkrechte bis überhängende Südwand des El Capitan, dessen Name vom indianischen „To-to-kon“ (großer Häuptling) abstammt. Wer einer dieser beiden Steilwände durchstiegen hat, gehört zu einem elitären Kreis der internationalen Alpinistenszene.
Bis Ende der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts galten die Felswände am El Capitan als unbezwingbar. Erst zehn Jahre später, als es schon viele Kletterrouten im Valley gab, plante man an einen ernsthaften Versuch auch diese letzte Bastion zu bezwingen. 1958 bemühten sich vier der besten Kletterer Amerikas über ein Jahr lang einen Weg am El Capitan zu eröffnen. Nach insgesamt 47 Klettertagen, über 17 Monate verteilt, erreichten sie am Ende ihrer Kräfte die Gipfelhochfläche des größten Monolithen der Erde. Für die damals schwierigste Kletteroute weltweit mit dem Namen „Nose“ schlugen sie insgesamt 850 Sicherungshaken in den Fels, schliefen in Hängematten und wurden mit langen Seilen vom Boden aus versorgt. Eine Sensation, die erstmals mit TV Bildern live in die ganze Welt transportiert wurde…

Bereits 1986 im Alpinstil durch die „Nose“
Walter Hölzler wagte sich bereits 1986 als 21jähriger an die berühmten Kletterberge und musste viel Lehrgeld bezahlen. Nur mit einem T-Shirt bekleidet überlebte er mit seinem Partner einen 12-stündigen Schneesturm mitten in der überhängenden Steilwand des El Capitan.
Nach Aussagen der ansässigen Kletterer ist das größte Problem beim Big-Wall Klettern der Flüssigkeitsmangel, da sich die Südwand untertags extrem aufheizt. Der Körper trocknet schlichtweg aus und verliert rapide an Leistung. Deswegen werden für die großen Wände schwere Säcke (Haulbags) mit Wasserkanistern, Hängematten, Verpflegung und Schlafsäcken hinter sich her gezogen, was unheimlich kraft und zeitaufwändig ist. So benötigt eine Zweierseilschaft für die klassische „Nose-Route“ am El Cap normalerweise 3 Tage. Das Gewicht des Nachzieh-Sacks beträgt dabei knapp 50 Kilogramm.
Da sich auch in den Felswänden Amerikas der „fair means“ Stil mit möglichst wenig technischem Material für die Spezialisten zu etablieren begann, konnte sich der Allgäuer nicht lumpen lassen. Statt mit 24 Liter Flüssigkeit, Schlafsäcken, Verpflegung und Hängematten packte er mit seinem österreichischen Kletterpartner nur einen kleinen Rucksack mit vier Liter Wasser und zwei Tafeln Schokolade. „ Je leichter wir sind, um so schneller kommen wir vorwärts“, war das Motto. Das Ziel in eineinhalb Tagen, d. h. in doppelter Geschwindigkeit, den Gipfel zu erreichen war hoch gesteckt aber machbar.
Bis zum Kälteeinbruch mit dem nicht einmal die Wetterspezialisten rechneten, lief alles nach Plan. Nach 16 Stunden ununterbrochener Kletterei erreichten die beiden einen kleinen Felsvorsprung, auf dem sie sich in der Nacht ausruhen wollten. Doch dazu kam es nicht. Vom abrupt einsetzenden Schneesturm wurden die beiden so überrascht, dass sie die vom Flüssigkeitsmangel hervorgerufenen Krämpfe gar nicht mehr vom Muskelzittern der einsetzenden Kälte unterscheiden konnten. Von einer Minute auf die andere wurde ihnen klar, in welch auswegsloser Lage sie sich befanden. 800 Meter über dem Abgrund begann ein Kampf um Leben und Tot. Sollten sie jetzt einschlafen, wären die dehydrieren Körper in kürzester Zeit erfroren. Minuten wurden zu Stunden und Stunden dauerten eine halbe Ewigkeit. Als endlich der Morgen anbrach, wurde beiden schnell klar, dass die erhoffte Rettung mit dem Hubschrauber nicht stattfinden würde, denn große Felsüberhänge versperrten den Weg für einen Anflug. Der einzige Ausweg war der nach unten. Völlig entkräftet rafften sie sich auf und kämpften sich Meter für Meter durch die vereiste Wand in Richtung Tal. Einen ganzen Tag dauerte die Tortur. Im Camp 4 zurück wurden sie wie Helden empfangen.

10 Jahre später war Hölzler wieder einen Monat lang im „Yosemite Valley“. Diesmal unter optimalen Voraussetzungen. Alles passte. Gleich mehrmals stieg er auf verschiedenen Routen durch Wände des El Cap und des Half Domes. Doch die „Nose“ blieb unangetastet.

NIAD – Nose in a day
Erst 23 Jahre nach dem „Schneesturm Erlebnis“ wollte Hölzler noch einmal einen Versuch an der berühmten „Nose-Route“ wagen. Der Schrecken vergangener Tage war gewichen, die Motivation unvollendetes zu vollenden sehr groß. Mit 44 Jahren ein gewagtes Unternehmen, wüsste man nicht, dass der Bergführer unnötige Risiken vermeidet und sich auf alle seine Projekte akribisch vorbereitet. So reiste er im Oktober mit seiner Frau zum dritten Mal in das Yosemite Valley. Schnell knüpften die beiden im Camp 4 Kontakte zu anderen Kletterern, die dort mehrere Wochen und Monate im Jahr verbringen. Mit dem Schweden Olov Isaksson fand Hölzler bald schon einen Partner mit gemeinsamen Interessen. Am Lagerfeuer schmiedeten sie zusammen einen großen Plan, der mit vier Buchstaben im Camp der Spezialisten zurzeit die Runde macht: „NIAD“-„Nose in a day“, d. h. Geschwindigkeitsklettern in einer 1000 Meter hohen Felswand. In Worten ausgedrückt, nochmals schneller sein als damals vor 23 Jahren und dreimal so schnell wie normalerweise üblich. Ohne wochenlanges Training im Team vor Ort fast undenkbar, aber eben nur fast… Nach Abwägung aller Fakten kamen beide überein, dass eine kleine Chance blieb. Der ausschlaggebende Punkt ihres Versuchs war die Gewissheit des Vorhandenseins einer Abseilpiste. Diese wurde nach dem „Schneesturm Drama“ von amerikanischen Kletterern eingerichtet, um Todesfälle durch Wetterstürze zu vermeiden.
Am 17.10.09, noch vor dem Morgengrauen, starteten Hölzler und Isaksson mit Stirnlampen und einem kleinen Rucksack ausgerüstet vom sicheren Talboden in die dunkle Felswand. Eine große psychische Herausforderung, da die klettertechnischen Schwierigkeiten schon bei Tageslicht sehr hoch sind. Bereits bei Sonnenaufgang waren beide ca. 200 Meter hoch geklettert und lagen hervorragend im eng gesteckten Zeitplan. Gegen 08.00 Uhr morgens wurde die erste kleine Trinkpause eingelegt. Um 9.30 Uhr kam die Sonne um die Ecke und erhitze die Felsen. Ein starkes Durstgefühl setzte ein, die Muskeln verkrampften leicht.
Um 11.00 Uhr war die nächste Trinkpause mit dem ersten Müsliriegel angesetzt. Danach wurde es überhängend, so dass sich das Klettertempo automatisch verringerte.
Gerade in dieser kritischen Phase verhängte sich das Kletterseil an einer Felsnase, weshalb wertvolle Zeit verloren ging. Dadurch ließen sich die beiden aber nicht beirren, pendelten zum verhängnisvollen Felsvorsprung lösten den selbst entstandenen Seilknoten und kletterten „Vollgas“ weiter. Konzentrieren und auf keinen Fall Fehler machen war die gemeinsame Ansprache an jedem Standplatz.
Gegen 12.30 Uhr stellten sich weitere Krämpfe in den Oberarmen ein. Um 14.00 Uhr erreichen sie den Felsabsatz, an dem Hölzler vor 23 Jahren dem Schneesturm durchstehen musste. Doch für Melancholie war an diesem Tag keine Zeit. Die erste von zwei Trinkflaschen war nun leer und der dritte von sechs Müsliriegel gegessen. Immer noch brannte die Sonne unbarmherzig in die Wand, so dass der Durst und die damit verbundenen Muskelkrämpfe zum schier unerträglichen Begleiter wurde. Dennoch stimmte der Zeitplan und das Wetter. Um 15.00 Uhr war der größte Überhang der Wand gemeistert. Der Weg zu Gipfel schien frei…
Als sich Isaksson im weiteren Verlauf mit seinem ganzen Körper in einem Felsspalt abkämpfte, bemerkte er nicht, wie sich ein Karabiner mit Mikro-Klemmkeilen vom Klettergurt löste und unaufhaltsam zu Tale flog. Auch der Schrei von Hölzler kam zu spät. Wie versteinert sahen sich beide an, denn sie wussten, dass der Verlust dieser kleinen Ausrüstungsgegenstände ein Weiterkommen schier unmöglich machen würde. Nur wenige Seillängen vor der Gipfelhochfläche hingen beide in einer der steilsten Felswände der Welt und sahen wie sich ihr Traum in sekundenschnelle in Luft auflöst. Das Risiko dennoch ohne die verlorenen Sicherungsmittel weiter zu steigen war einfach zu groß, um es zu wagen. Denn was passieren kann, wusste Hölzler genau und wollte deshalb sein Glück nicht noch einmal herausfordern. Die Entscheidung des Rückzugs war gefallen…
Mit den letzten Strahlen der untergehenden Herbstsonne erreichten die beiden Kletterer über die Abseilpiste schnell und sicher den Einstieg, an dem sie in der Nacht zuvor so zuversichtlich gestartet waren.

Die Erkenntnis
Was bleibt ist die Erkenntnis, erlebtes zu genießen und sich dennoch zu freuen, auch wenn das Ziel knapp verfehlt wurde. Denn höher, schneller, weiter ist nur eine sportliche Herausforderung, die bei zu ehrgeiziger Sichtweise beim Bergsteigen sehr schnell zur gefährlichen Falle werden kann. Und dafür lohnt sich kein Berg der Erde.

Bericht von 2010

 

Anmerkung
Der Speed-Rekord an der „Nose“ unter 3 Stunden, aufgestellt von Yuji Hirayama aus Japan (ehemaliger Vizeweltmeister im Schwierigkeitsklettern) und Hans Florine aus Amerika (ehemaliger Weltmeister im Schnellklettern) ist für die über 1000 Meter hohe Wand schier unvorstellbar.
Beide Spitzenathleten trainierten, in Konkurrenz zu den Huber Brüdern, über mehrere Jahre am El Cap und optimierten jede Bewegung. Alle wichtigen Griffe und Sicherungspunkte wurden mit Magnesia markiert.
Im „Speed“ wird meist gleichzeitig geklettert, d. h. ohne die üblichen Standplätze. Die Sicherungstechnik ist speziell dafür ausgerichtet und kann bei falscher Anwendung extrem gefährlich werden.

Begriffserklärung:
Das Bigwall-Klettern (von englisch big wall: große Wand) bezeichnet das Durchsteigen von hohen Felswänden, die normalerweise nicht innerhalb eines Tages geklettert werden können, so dass in der Wand übernachtet werden muss.
Das Bigwall-Klettern entstand im Yosemite Valley, wo zahlreiche hohe und steile Granitwände Biwaks erfordern, für die es zum Teil keine geeigneten Felsvorsprünge oder Bänder gibt. Daher wurden so genannte portaledges entwickelt, gewissermaßen Zelte mit einem stabilen Untergestell, die an ihrer Spitze an einem Haken aufgehängt werden können. In diesen wird dann unter Umständen Hunderte von Metern über dem Boden hängend geschlafen. Alle Vorräte, selbst Wasser für die gesamte Tour und die umfangreiche Kletterausrüstung werden mitgenommen und jeweils nach dem Klettern einer Seillänge in einem Sack nachgezogen.
Bigwall-Routen werden zumeist teilweise in technischer Kletterei begangen, da die Kletterei sehr anspruchsvoll und schwierig ist.

Der Klemmkeil, sowie andere mobile Sicherungsmittel erfüllen eine ähnliche Aufgabe wie Felshaken. Er übt aber – im Gegensatz zum im Haken – nur im Falle einen Sturzes, Druck auf den umgebenden Felsen aus. Er wird meist auch wieder aus seiner Verankerung, dem Felsriss, herausgenommen. Daher kann er während einer Klettertour erneut verwendet werden.

Das Klettern ohne Haken nennt man Clean Climbing (Klettern ohne Spuren zu hinterlassen). Bohrhaken sind im Yosemite Valley nur an glatten Platten und an Standplätzen erlaubt. Um den übermäßigen Einsatz von Bohrhaken zu vermeiden, ist das Benützen einer Bohrmaschine strengstes verboten. Das Anbringen eines Bohrhakens mit Hammer und Handbohrer dauert im harten Granitgestein ca. 30 Minuten und erfordert einen hohen Kraftaufwand.