Rote Wand – “Zeit des reifen Mondes”

Der Inbegriff des Unmöglichen
Der Beginn liegt weit zurück; schon 1978 war mir die dunkle geschwungene Riesenverschneidung im linken Teil der Südwand aufgefallen. Mit sehnsüchtigen Augen folgte ich der feinen Riss Spur, erkannte aber gleichzeitig, dass der Anstieg außerhalb unserer Möglichkeiten lag. Eingeschüchtert von der monolithischen Glätte dieses Wandteils verzichteten wir auf einen Versuch. Die Verschneidung erschien mir wie ein aufgeschlagenes Buch, dessen Inhalt mir aber nicht verständlich war. So wurde mir diese imaginäre Linie zum Inbegriff des Unmöglichen. Ja zu einem dunklen Geheimnis, das mich aber nicht bedrückte, denn ich hatte es beiseite gelegt, aus meinen Träumen verbannt.

Schlechte Sicherungsmöglichkeiten
Sieben Jahre später, im Herbst 1985, stand ich ein zweites Mal unter „meiner“ Verschneidung; mit mir Gerold Dünser, ein junger Vorarlberger Kletterer. Es war schon Nachmittag, zudem hatten wir nur eine Handvoll Haken mitgenommen, es sollte ja nur ein Versuch sein. Insgeheim glaubte ich nicht an einen Erfolg. Vielleicht wollte ich nur die Bestätigung, dass die Verschneidung in dem von mir gewählten Stil ohne Verwendung von Bohrhaken nicht möglich war. Der Beginn entsprach auch meinen Erwartungen. Schon nach wenigen Metern endete Gerolds Versuch. „Weiter oben scheint der Riss geschlossen zu sein, aber schau selbst nach“, meinte er. Ohne besondere Motivation begann ich die Kletterei. Erst nach langem Suchen fand ich ein geeignetes Hakenloch. Teils frei, teils technisch kletternd, stieg ich weiter. Aber schon nach wenigen Metern hatte ich die restlichen Haken verbraucht. Während ich abseilte, entfernte ich einige der schlecht sitzenden Eisenstifte. Wieder war Gerold an der Reihe; ihm erging es aber auch nicht viel besser. Wir hatten einfach zuwenig und vor allem nicht die passenden Haken mitgebracht. In einem letzten Versuch erreichte ich dann am späten Nachmittag einen winzigen Absatz; knappe zwanzig Meter waren wir in die Glätte der Verschneidung vorgestoßen.
Keine ermutigende Bilanz, sah doch der Weiterweg noch schwieriger aus. Trotzdem wollten wir wiederkommen; der Gedanke, einen Anstieg durch diese kompakte Platten zu finden, hatte uns gefangen genommen. In den darauf folgenden Tagen waren wir wieder an der Wand. Unser letzter Versuch brachte uns bis knapp unter einen überhängenden Riss, der das Ende der Schwierigkeiten signalisierte. Schlechte Sicherungsmöglichkeiten und die hereinbrechende Dunkelheit zwangen mich unter einer senkrechten Wandstelle zum Rückzug. Fast sechs Seillängen waren wir über dem Kar; die große Verschneidung lag hinter uns! Bis auf eine kurze Passage waren wir frei geklettert: harter VII. Grad. Dafür hatte uns das recht schwierige anbringen von zuverlässigen Haken einiges an Zeit und Mühe gekostet.

Die nächsten Tage brachten strahlend schönes Herbstwetter. Missmutig saß ich zu Hause; die Arbeit an einem begonnenen Artikel verlief äußerst lustlos. Meine Gedanken kreisten immer wieder um unsere unvollständige Route. Gerold konnte sich nicht frei machen, er hatte einen Fulltimejob als Lastwagenfahrer angenommen. Meine letzte Hoffnung war das Wochenende, besser gesagt Lothar, mein langjähriger Seilpartner…

Akrobatische Verrenkungen
Langsam verstrichen die Tage, selbst der Zustieg unter die Wand schien endlos. Als Auftakt versuchte ich gleich einen direkten Einstieg. Eine äußerst glatte, aus fast weißem Fels bestehende Verschneidung zwang mich zu akrobatischen Verrenkungen; ziemlich abgekämpft erreichte ich den Standplatz. Die beiden nächsten Seillängen führte Lothar gleich auf Anhieb in freier Kletterei. Begeistert äußerte er sich über die Schönheit und Eleganz des Anstieges. Die vierte Seillänge versprach dann wieder harte Arbeit. Ein kurzer, nach links ziehender Riss, von glatten Platten begrenzt, war uns bisher nur in technischer Kletterei geglückt. Fast hätte es Lothar im ersten Versuch geschafft, aber die Kletterei erwies sich dann als doch zu schwierig.; außerdem lag feiner Staub auf den winzigen Trittchen der Platte. Erst nachdem wir den Riss und Platte geputzt hatten, gelang es uns, die Stelle frei zu klettern. Einige schmerzhafte Klemmstellen im Riss und winzige Auswaschungen in der Platte ermöglichten eine trickreiche Abfolge von Bewegungen. Mit zerschundenen Händen und völlig ausgepumpt hatten wir unser Tagesziel erreicht. Nun gab es ein Fragezeichen weniger und eine Schlüsselstelle mehr. Morgen würden wir die Route vollenden; optimistisch gestimmt seilten wir ab.
Tags darauf… das Wort „Morgen“ entlockt mir nur noch ein grimmiges Lächeln. Auch heute werden wir den Gipfel nicht erreichen. Dabei klappte alles wie am Schnürchen; die glatte Einstiegsverschneidung, die Schlüsselstelle im VIII. Grad, ja sogar die kurze senkrechte Wandstufe, an der ich vor Tagen kapituliert hatte. Zwar oberer sechster Schwierigkeitsgrad, aber mit der notwendigen Entschlossenheit hatte ich sie schnell überwunden. Danach folgte ein kurzer senkrechter Riss. Mehrmals musste Lothar zurück steigen, lose Blöcke erschwerten den Ausstieg. Erst nachdem die größten Blöcke pfeifend in der tiefe verschwunden waren, konnte Lothar die Stelle überlisten. Mit einem kurzen Quergang, der uns an steile Dolomitenkletterei erinnerte, erreichten wir den Beginn des überhängenden Schlussrisses. Und jetzt hängt Lothar da oben und keucht wie ein verrückter; noch ein paar Meter und er hat es geschafft! Die Rissdurchzogene Plattenwand, das frei hängende Nachzugseil – ein beeindruckendes Bild; fast erinnerte uns das Bild an eine Kletterei am El Capitan!
„Stand, nachkommen“, tönt es von oben. Endlich! Vor Kälte zitternd beginne ich die Kletterei; fast zwei Stunden habe ich im Schatten ausgeharrt. An der rauen Risskante reiße ich mir meine gefühllosen Hände auf, nur noch Kälte und Schmerz – Klettern im Spätherbst! Lothar zieht mit allen Kräften, noch ein paar Meter und ich bin am Standplatz. In einer Stunde wird es dunkel sein, nichts wie weg! Langsam gleiten wir am Doppelseil in die Tiefe. Wir sind ausgelaugt und müde. In Lothars Gesicht spiegeln sich die Erlebnisse der letzten Tage; noch vor zehn Minuten waren seine Züge hart, von den Anstrengungen des Tages gezeichnet. Jetzt erinnert er mich an einen müden Arbeiter – den nahen Feierabend vor Augen. Keine Spur von Euphorie, höchstens ein müdes Lächeln. Wo ist die blitzende Freude geblieben?
Mit klammen Händen richten wir die Abseilstellen ein. Die Füße, kalte, gefühllose Klumpen, schmerzen in den gefühllosen Reibungskletterschuhen. Noch eine Abseilfahrt und wir stehen am Einstieg; schnell verstauen wir die Ausrüstung und wechseln die Schuhe – welch ein Genuss!

Wie Riesen aus einer unendlichen Tiefe
Die Zeit drängt, wortlos steigen wir ab. Draußen am Rand der Hochfläche türmen sich gewaltige Wolken. Die Täler sind unter der wogenden Decke verschwunden. Unzählige Bergketten reihen sich aneinander, wachsen wie Riesen aus einer unendlichen Tiefe. In den Nordseiten liegt der erste Schnee, Kanten und Grate sind in ein letztes Licht getaucht. Die Luft ist kalt und klar, am Horizont ein metallener Streifen Licht, der langsam dünner wird. Der Boden ist hart, Raureif liegt in den Mulden, auf eisbedeckten Tümpeln liegt ein matter Glanz. Eilig suchen wir unseren Weg durch das Karrenfeld, aber schon nach wenigen Minuten verschluckt uns die Dunkelheit…

Eine Linie ohne Unterbrechung
Drei Tage später klettern wir in sieben Stunden durch die Wand. Nach unserem Umkehrpunkt folgen noch drei recht alpine Seillängen. Lothar ist in Hochform; er klettert schnell und sicher. Nur vereinzelt markiert eine Zwischensicherung seinen Weg. Die letzten hundert Meter hetzen wir gleichzeitig empor. Oben umarmen wir uns. Endlich ist der Bogen geschlossen, unsere Route eine Linie ohne Unterbrechung; jetzt kann der Winter kommen.
Übermütig überqueren wir das Gipfelfirnfeld, rennen in unseren Turnschuhen, dass der Schnee aufstäubt. Wir lachen; jetzt müsste uns einer der Sicherheitspäpste sehen! Im Dauerlauf geht es die Kehren des Normalanstieges hinunter. Weiter unten trennen wir uns. Lothar läuft zurück unter die Südwand, um unseren Rucksack zu holen; ich steige direkt ab. Am Rand der Hochfläche angekommen, bleibe ich kurz stehen und blicke zurück. Der gesamte linke Wandteil liegt im Schatten, nur im rechten obersten Teil der Wand ist noch Sonne; ein rötlicher Schimmer liegt auf den Kalkplatten.
Ich denke an die letzten Tage, an die 40 Haken, die wir geschlagen hatten, an die Anstrengungen und die Zweifel. Ich denke an die zahlreichen Routen, die wir an dieser Wand eröffnet haben. Das „Warum“ ist plötzlich weggewischt, für einen kurzen Moment erfasse ich die ganze Schönheit dieser Landschaft. Alles erscheint mir klar und richtig, obwohl ich weiß, dass ich nichts festhalten kann. Der letzte Streifen Licht oben am Ostgrat, ich hier unten im Zwielicht der Dämmerung, klein und zerbrechlich. Oben am Grat dieses weiche zarte Licht…
Lothar Muxel

Aus dem Buch „Bergabenteuer Vorarlberg“. Erschienen 1986 im Leopold Stocker Verlag (meines  Wissens vergriffen)

 

Anmerkung:

1985 steckte das alpine Sportklettern noch in den Kinderschuhen. Bohrhaken waren verpönt und klassische Sicherungspunkte wurden nur dort angebracht wo es unbedingt notwenig war. Es gab noch keine Kletterhallen, gute Klettergärten zum Trainieren musste man suchen. Eine Route wie diese gehörte damals zu den wirklich anspruchsvollen und hoch im Kurs stehenden Kletterwegen der nördlichen Kalkalpen. Auf die 3. Begehung im onsight war ich damals sehr stolz, denn die paar Normalhaken und Holzkeile waren nicht unbedingt das, was man sich unter guter Absicherung vorstellt…

So viel ich weiß wurde die Route saniert.

Topos im Kletterführer “Vorarlberg” vom Panico Verlag.

 

PS

Und wer über eine 8- heutzutage lacht, dem empfehle ich die Route  “Hakomi” 9+, “Freedom” 10 oder “Zeit zum Atmen” 10+ vom Lokal Pio Jutz.