Cima Coste „La Luna e i Falo“ – unterer Teil – Bericht

Cima alle Coste „La Luna e i Falo” (Sarcatal – Arco/ITA)

Bericht 2007

Die unbekannten Wände locken
Als ich im letzten Sommer als Bergführer vor dem schlechten Wetter aus den Dolomiten nach Arco geflüchtet bin, suchte ich für meinen Gast ordentlich gesicherte, alpine Kletterrouten im Sechsten bis Siebten Schwierigkeitsgrad. Auf die meist überlaufenen Sonnenplatten hatte ich absolut keine Lust. So steuerten wir die für mich noch unbekannte Wand des Cima alle Coste an. Steil und beeindruckend steht sie am Eingang zum Sarcatales. Früher gab es sehr viele gruselige Gerüchte um diese Wand. Von moralisch anspruchsvollsten Plattenrouten im unteren Sektor und extrem schweren Technorouten im oberen Wandteil war die Rede in den Cafes von Arco. Darum machten wir bis jetzt einen großen Bogen um diese Mauer. Am Gardasee möchte man im Frühjahr relaxt Sportklettern, Cappuccino trinken und das ein oder andere Klettergarten-Projekt ohne Psychostress abhaken. „Dolomitenfeeling“ ist da nicht angesagt. Doch wenn man langsam jeden Stein in Masone, Nago, dem Colodri, den Sonnenplatten und den vielen anderen bekannten Gebieten kennt, schaut man sich nach neuem Betätigungsfeld um. Die unbekannten Wände locken…

Verrottete Schlingen in der Cima Coste
Eigentlich wollten wir die Route „6 Grad“ bis zum Band des Cima alle Coste klettern, doch bei der überraschenden Routenvielzahl und den etwas dürftigen Topos war es gar nicht einfach, den richtigen Einstieg zu finden. So passierte es, dass wir uns viel zu weit rechts in einer unbekannte Tour wiederfanden. Die „La Luna e i Falo“, wie sich später herausstellte. Kein Mensch war hier unterwegs. Alte, verrottete Schlingen bestätigten die Vermutung, dass es sich nicht gerade eine „Modetour“ handeln kann. Trotzdem war die Kletterei schön, wenn auch manchmal etwas unlogisch in brüchigem Gelände.
Beim Abseilen überlegte ich mir, dass es sicherlich lohnenswert wäre, diesen Weg zu sanieren und dabei etwas zu begradigen. Kompakter Fels in allen Bereichen.

Herrliche Plattenstellen mit guter Absicherung
Als es mich im Spätherst nochmals nach Arco verschlug, war die Bohrmaschine mit dabei. Denn das Projekt der schönen Plattenroute ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Und ganz geheim liebäugelte ich mit einem Rotpunktversuch im oberen Wandteil. Dort verläuft die Route genau durch zwei weit ausladende Dachgürtel, die den Überhängen in der Westlichen Zinne (Sextener Dolomiten) nur wenig nachstehen. Gesagt getan, mit Fixseil und Bohrmaschine richtete ich mit Lena in zwei Tagen den unteren Wandteil soweit her, dass es sich nun wirklich lohnt, dort einzusteigen.
Herrliche Plattenstellen mit guter Absicherung leiten an einen Steilaufschwung. Diesen kann man in interessanter Wegführung überraschend frei erklettern, sofern man dem oberen Siebten Schwierigkeitsgrad gewachsen ist. Mit Hakenhilfe geht es etwas leichter. Danach legt sich die Wand wieder, wobei die Kletterei nicht nachlässt. Alles in allem eine homogene Route im Sechsten bis oberen Siebten Schwierigkeitsgrad (eine Stelle) mit guter Absicherung. Keile und Friends werden nicht benötigt.
Kurz vor dem großen Absatz kann man mit einem Doppelseil über die Route abseilen. Wer auf das Band aussteigt, folgt am besten den Steigspuren in Richtung Verschneidung (Via Steinkötter). Auch hier kann man problemlos die Talfahrt antreten. Übrigens: Die „Via Steinkötter“ ist auch saniert und bietet eine lohnende alpine, aber gut abgesicherte Route im Vierten Schwierigkeitsgrad. Eine willkommene Alternative zu den meist überlaufenen Sonnenplatten im gemäßigten Klettergelände.

Ein Überhang nach dem anderen
In den oberen Teil der Route bin ich natürlich auch eingestiegen und war überrascht wie „alpin“ es wird. Klar gab es auch Bohrhaken, doch weit aus spärlicher als im unteren Teil. Ohne Keile und Friends ist man aufgeschmissen. In den brauen, weit ausladenden Überhängen ist der Fels nicht mehr so fest und teilweise etwas bröselig, doch das Ambiente nicht zu übertreffen. Ein Überhang nach dem Anderen sieht man vor sich. In beeindruckender Linienführung geht es mal direkt, mal querend durch die Dachzone. Die Kletterei ist anspruchsvoll und extrem ausdauernd, wenn man frei klettern möchte. Erinnerungen vom „Schweizer Dach“ in der Westlichen Zinne werden wahr…

Wie eine Spinne am seidenen Faden
Da im Spätherbst die Tage für solche Unternehmungen einfach zu kurz sind, kehrten wir bei der letzten noch möglichen Stelle um. Mit großen Pendlern erreichten wir die weit unter uns liegenden Stände. Dabei malten wir uns nur sehr ungern aus, wie es wäre, wenn man ohne Pendelschwung die Wand nicht mehr erreicht und ähnlich einer Spinne am seidenen Faden fast 400 Meter über dem Abgrund hängt, weil man vergessen hat die Prusikschlingen einzupacken… Arco ist doch nicht nur Sportklettern an Routen, bei denen spätestens nach 2-3 Metern ein wunderschön geklebter Haken den sicheren Weg nach oben weist.

Beim nächsten Mal, wenn ich nochmals den freien Weg durch die Dächer suche, bin ich auf eine große Dolomitenroute im extremen Stil vorbereitet…