Cima Coste „La Luna e i Falo“ – oberer Teil – Bericht

Cima alle Coste „La Luna e i Falo” – oberer Teil (Sarcatal – Arco/ITA)

Bericht  2008

Weit ausladende Überhänge
Nachdem ich mit Lena im Herbst 2006 das Projekt einer vollständig freien Begehung der Route „La Luna e i Falo“ (20 SL – VII+/A1) angegangen bin, putzten und begradigten wir zuerst den unteren Plattenteil. Es entstand eine herrliche 9 Seillängen Sportkletterroute im Schwierigkeitsgrad 7+ (7 obl.).
Der obere Wandteil offenbarte uns mit einem völlig anderen Charakter. Weit ausladende Überhänge in gelbbraunem, teilweise brüchigem Fels, versprachen nichts Gutes. In zwei Anläufen überwanden wir die erste Dächerzone, wobei ich überraschenderweise fast alles auf Anhieb frei klettern konnte. Doch auf Grund der hohen moralischen Anforderungen brach ich das Projekt ab, da Lena im meist technischen Nachstieg 500 Meter über dem Abgrund an ihre psychischen und physischen Grenzen stieß. Sie war nur noch froh, aus dieser überhängenden Welt aus Dächern und Blöcken wieder gesund heraus zu kommen. Insgesamt war ich aber trotzdem überrascht, dass die Absicherung bis auf wenige Stellen relativ gut ist und der Fels eine meist bessere Qualität aufweist, als manch berühmte Dolomitentour. Doch allein das Ambiente ist Grund genug, um Respekt einflößend zu wirken.

Eine schlecht gesicherte Boulderstelle
Ein Jahr war vergangen als wir wieder in Arco verweilten. Und der Reiz die beeindruckende Route zu „knacken“, entbrannte erneut. Mit dem Wissen, was auf uns zukommt, packten wir das Projekt nochmals an.
Nach dem sportklettermäßig eingerichteten Plattenteil bis zum Band ging es schnell über die uns bekannte graue Felszone unter die Überhänge. Ein Blick in Lenas Augen genügte, um zu erkennen, dass sie heute für das alpine Abenteuer bereit war.
Über ein Blockwert aus einsturzfähigen Felstürmen schwindelt man sich bis zu einer 5 Meter hohen Steilstufe. Diese ist technisch nicht sonderlich schwer, wenn man im Kopf verdrängen kann, dass der einzige Normalhaken unter einem nicht sehr vertrauenswürdig aussieht. Drei, vier beherzte Züge sind kontrolliert auszuführen bis man wieder aufatmen kann. Doch nicht lange. Denn die folgende Seillänge leitet durch einen leicht überhängenden Dolomitenriss mit einigen Normalhaken in brüchigem Gestein. Hier pumpt es einem zum ersten Mal so richtig die Arme auf. Ein kleiner Vorgeschmack auf den Weiterweg.
Wer sich in diesen Seillängen schon unwohl gefühlt hat, kann noch unbekümmert den Rückzug antreten. Weiter oben wäre es problematischer. Denn nun geht es von einem Dach zum anderen. Erstaunlicherweise aber in freier Kletterei. Erst die 13. Seillänge stoppte meine Euphorie. Vom Stand quert man ziemlich wackelig unter einem großen Dach bis zur schwächsten Stelle. Nach dessen Überwindung mit Foothook geht es in eine gut gesicherte Wand mit schönen, jedoch kleinen Leisten bis zum nächsten Überhang. Unter diesem steckt nur ein Normalhaken vor der Schlüsselstelle. Etwas kompliziert und athletisch quert man an Seitgriffen nach rechts zum Stand. Schon allein für die Einzelstelle benötigte ich einige Versuche, die viel Zeit und Kraft in Anspruch nahmen. Danach ließ ich mich wieder ab, um einen zweiten Anlauf vom Standplatz aus zu starten. Anfangs verlief die Kletterei noch erfolgsversprechend. Doch an der schlecht gesicherten Boulderstelle musste ich kraftlos den Rotpuktversuch aufgeben. Trotz des „Hängers“ dürfte die Einzelstelle am Ende einer 35 Meter langen Seillänge immer noch mit mind. 8- zu bewerten sein. Die darauf folgende Seillänge begann wieder etwas leichter. Doch auch hier überrascht erst zum Schluss eine kniffelige Dachpassage den Rotpunktaspiranten. Diesmal ist sie mit Bohrhaken gut gesichert und ohne Probleme auszuchecken, was aber bedeutet, dass ein zweiter Versuch wieder ganz unten am Stand der Seillänge beginnt, sofern man im Rotpunktstil unterwegs sein möchte. Das war auch mein Ziel. Doch der zusätzliche Einsatz ist ein ständiges Lotteriespiel mit der Kraft und der Zeit in einer fast 700 Meter hohen Felsmauer.

Überhänge, Verschneidungen und Platten
Nach Überwindung der ersten Dächer war ich erstmals froh wieder ruhig durchatmen zu können. Denn das Gelände neigte sich kurzzeitig, was aber auch eine spärlichere Absicherung zur Folge hatte.
Lange waren wir nun schon in der Wand, so dass der Nachmittag bereits seinen Zenit überschritten hatte. Vor uns stand die zweite Dächerzone in einer ebenfalls beeindruckenden Szenerie.
Hier gab es die letzte Möglichkeit über die querende „Via della Clessidra“ VI+ schneller und leichter zum Ausstieg zu gelangen. Doch noch reichte die Kraft und die Motivation für den Weiterweg auf unserer Route. Wieder folgten große Überhänge, Verschneidungen und Platten die in geschickter Linienführung überwunden werden müssen. Trotz der schwindenden Kräfte wollte ich meinen Kletterstil so ökonomisch wie möglich gestalten, um im „on-sight Stil“ fortfahren zu können. Überraschender weise gelang das auch, so dass meine Motivation auf höchstem Niveau blieb.

Tränen in Lenas Augen
Erst kurz vor der Dämmerung erreichte ich mit Lena den lang ersehnten Gipfelausstieg. Völlig entkräftet lagen wir auf dem weichen Waldboden und blickten zurück in die 700 Meter tiefe Steilwand. Ob die vereinzelten Tränen in Lenas Augen ein Zeichen nachlassender Anspannung, oder die Freude über das Gelingen ihrer schwierigste Route waren, weiß sie selbst nicht mehr genau. Auf jeden Fall hat sich das Erlebnis einer grandiosen Tour, die man als Frau nicht alle Tage klettert, in ihr als ein unvergessliches Abenteuer eingeprägt. Auch für mich war es großartig zu erfahren, dass sich Idee eines „fast“ vollständigen Rotpunktdurchstieges verwirklicht hat.

Fazit:
Die „La Luna e i Falo“ ist die eindrücklichste alpine Route die ich jemals in der Gardaseergion geklettert bin. Dass mir dabei vermutlich erstmals alle Seillängen (bis auf die Dreizehnte a. f.) im Vorstieg Rotpunkt gelangen, ist die Krönung dieser Idee. Einen hohen Respekt zolle ich den Erstbegehern, die mit einer äußerst geschickten Linienführung diesen genialen Weg durch eine Mauer aus Dächern und Überhängen eröffneten. Dass sie damals großteils technisch unterwegs waren, ist mehr als logisch. Denn weder vom Tal noch am Beginn der Überhänge ist ein freier Durchstieg vor einer Erstbegehung zu vermuten. Auch wenn das Ambiente in den drei Zinnen noch überwältigender ist, würde ich eine freie Begehung der „La Luna e i Falo“ ohne weiteres mit einem Rotpunktdurchstieg des „Schweizer Daches“ an der Westlichen Zinne vergleichen.