Allgäu-Alpinathlon mit „Sky Ride“ am Himmelhorn

Himmelhorn – Allgäuer Alpen

Das 2113m hohe Himmelhorn im Herzen des Allgäus gehört sicherlich zu den imposantesten Grasbergen der Alpen. Durch die Südwand führen neben dem berühmten „Rädlergrat“ zwei Allgäu spezifische Extremrouten. Eine davon habe ich getestet…

 

Der 8. Grad in den Allgäuer Bergen

Die Allgäuer Alpen sind wegen ihrer Blumenvielfalt weit über die Grenzen hinaus bekannt. Doch leider ist auch dort, wo das Gras wächst der Fels meist schrofig und wenig fest. So gibt es, das Tannheimer Tal ausgenommen, nur wenig wirklich lohnende Kletterrouten. Noch spärlicher sieht es in den höheren Schwierigkeitsgraden aus. Nur selten wird der 8. Grad oder höher im „alpinen Allgäu“ erreicht. Zu den wenigen Ausnahmen guter Felsrouten gehören die Klassiker „Wildenverschneidung“, „Schneck Ostwand“ und  „Himmelhorn Südwand“.

Himmelhorn – Rädlergrat

Das Himmelhorn ragt majestätisch über dem Oytal in den Himmel. Der ausgesetzte „Rädlergrat“ ist die sicherlich berühmteste Graskletterei der Alpen. Ein junger Bursche mit dem Familiennamen Rädler stieg 1910 im Alleingang über den 350 Meter langen, messerscharfen Grat bis zum Gipfel. Wahrscheinlich wusste er gar nicht auf was er sich einlässt, denn ab Grat Mitte wäre ein Rückzug ohne Seil extrem gefährlich gewesen. Die Flucht nach oben ist der einzige, aber nicht viel weniger abenteuerliche Ausweg. Nur so kann ich mir diese äußerst kühne Tat erklären. Heutzutage stecken ein paar Normalhaken in der Route, so dass man des Öfteren Kletterer, die sich mit dem Steilgras vertraut fühlen, zum Himmelhorn aufsteigen sieht. Sogar in schneearmen Wintern wurde dort schon geklettert. Mit Steigeisen und Eisgerät findet man im gefrorenen Erdreich einigermaßen guten Halt.

Himmelhorn – Sky Ride

Im linken Teil der Südwand führt ein klassischer Weg durch ein Riss-System in direkter Linie zum Gipfel. Bisher trotzte ein acht Meter ausladender Überhang den wenigen Rotpunktversuchen. Das brüchige Gestein in Verbindung mit den schlechten Haken eignet sich auch nicht besonders, dort oben seine Grenzen auszuloten.
Etwas weiter rechts eröffnete der leider verunglückte Matthias Robl aus Oberstdorf mit seiner Frau im Jahr 2000 die sieben Seillängen Linie „Sky Ride“ im Schwierigkeitsgrad 7/A1 bzw. 9-. Sie wird als höchst anspruchsvoll und ausgesetzt beschrieben. Bisher gab es nur wenig Aspiranten, die sich auf den langen Weg zu dieser Route machten. So wusste ich aus Insiderkreisen, dass die erste Wiederholung auch die erste Rotpunkt und zugleich on sight Begehung wurde. Von den Allgäuer Spitzenkletterern Maxi Klaus und Hubert Sauter war das nicht anders zu erwarten.

By fair means

Mehrmals dachte ich schon daran, diesem imposanten Allgäuer Gipfel einen Besuch abzustatten. Doch geklappt hatte es bisher nicht.
Der November 2008 war, wie mehrmals in den letzten Jahren, sehr warm und schneefrei. Eine gute Voraussetzung, um im „Allgäuer Alpinstil“ den Bergsommer zu beenden. So entstand die Idee, „by fair means“ mit dem Fahrrad von Oberstaufen nach Oberstdorf ins Oytal zu radeln, anschließend zur Himmelhorn Südwand aufzusteigen und die „Sky Ride“ zu klettern. Als Abstiegsweg sollte der Normalweg über den Schneck Vorgipfel zurück zum Fahrraddepot genutzt werden. Die restlichen 45 Kilometer auf zwei Rädern durchs Illertal würden den alpinen Ausdauerzirkel abschließen. Wenig warme Sonnenstunden und Schatten-Temperaturen unter dem Gefrierpunkt mussten als zusätzliche Herausforderung eingeplant werden.

Ein Schreck

Am Sonntag, den 9. November klingelte der Wecker um 5.30 Uhr. Es war noch stock duster, als ich auf dem Fenster sah. Der Mond erleuchtete die von Raureif überzogene Wiese. Ein guter Grund, um das Projekt wegen zu tiefer Temperaturen schon frühzeitig abzusagen. Wäre da nicht das Versprechen an meinen Partner Niels Delenk um 7.00 Uhr am Illerfluss bei Sonthofen zu stehen.
Dick eingepackt mit Handschuhen, Mütze und Stirnlampe schwang ich mich auf mein Mountainbike und radelte in die Nacht hinein. Schon in der ersten Kurve schlitterten die Reifen auf dem gefrorenen Asphalt in Richtung Straßengraben mit mir im hohen Bogen hinterher. Ein Schreck, der mich endgültig aufweckte und noch einige Zeit schmerzhaft begleitete.

Kälte in den Gliedern

In Sonthofen angekommen erkannte ich Niels, schon von weitem schlotternd, am verabredeten Treffpunkt. Endlich wurde es hell und die Muskeln etwas wärmer. Sofort ging es weiter an der Iller entlang in Richtung Oytal, was nicht sehr anstrengend war. Erst am steilen Fahrweg zur Käseralpe spürten wir die Kälte so richtig in den Gliedern. Mit gefühllosen Händen und einer übersäuerten Beinmuskulatur schnauften wir den Berg hinauf. „Wie soll ich mit tauben Fingerspitzen und Blei schweren Beinen bis zum unteren Neunten Schwierigkeitsgrad klettern“, überlegte ich mir insgeheim und stellte die grundsätzliche Idee in Frage.

Point of no Return

Am Fahrraddepot kurz hinter dem Wasserfall suchten wir nach dem schnellsten Weg zur Südwand. Letztendlich folgten wir aber doch der Anweisung des Kletterführers, denn einladend sah das Gelände wahrlich nicht aus. Immer durch den Tobel bis eine seichte Felsrinne zur Wand leitet, so die kurze, etwas ungenügende Beschreibung. Flotten Schrittes steuerten wir in die wilde Schlucht hinein. Erst als uns ein 10 Meter hoher Wasserfall den Weg versperrte, kamen wir ins Grübeln. Unschlüssig stiegen wir mit Händen und Füßen im feuchten Steilgras durch eine Flanke, um oberhalb des Hindernisses wieder in den Tobel einzuqueren zu können, so unser Plan. Eine Herausforderung mit ungewissem Ausgang, denn der Weg war nicht einzusehen. Mit Glück und Umsicht klappte die Traverse dennoch, wobei Niels lieber umgekehrt wäre. Bevor er jedoch sein Anliegen preisgeben konnte, war der „Point of no Return“ längst überschritten. Zu steil und rutschig war das feuchte und grasdurchsetzte Schroffengelände, um wieder heil unten anzukommen. Im Wasser führenden Schluchtgrund erkannten wir sehr bald die beschriebene Felsrinne, die uns anschließend unschwierig zum Einstieg führen sollte.

Rotpunkt Versuch

Die erste Seillänge sah schön und griffig aus. Doch beim Klettern bröselte uns jeder zweite Griff unter den Fingern weg. Auf Grund des im Führer beschriebenen „guten Fels“ hofften wir auf Besserung. Doch auch die zweite Seillänge war alles andere als fest und lohnend. Warum der Erstbegeher andauernd die Hakensorte und den Durchmesser von 8 und 10 mm wechselte, war uns rätselhaft. Im Vorstieg konnte man sie so auf jeden Fall nicht erstbegehen, da das mehrmalige Austauschen des Bohrers in einer Seillänge unsinnig und irgendwie unlogisch erschien. Die dritte Seillänge versprach endlich Besserung. Das Gestein sah nun kompakt und überhängend aus, die Absicherung hervorragend. An schönen Leisten und Löchern steigt man geradewegs höher, bis einem die Fingermuskulatur versagt, denn der Überhang ist größer als gedacht. Hoch motiviert lies ich mich nochmals zum Standplatz ab, da der erste on sight-Versuch ganz knapp scheiterte. Doch die herein ziehenden Wolken brachten Wind und Kälte mit, weshalb Niels meine Rotpunkt Motivation nicht unbedingt teilen wollte. Mühsam bewegte er seine Glieder, um dem einsetzenden Schüttelfrost entgegen zu wirken. Also stieg ich ohne Pause sofort wieder los, um meinen Partner nicht noch länger auf die Folter spannen zu müssen. Leider wurden auch meine Finger immer kälter und steifer. Die Muskulatur übersäuerte und verwerte mir letztendlich den erhofften Rotpunktdurchstieg. Egal, jetzt war schnelleres Klettern angesagt, da die Temperaturen in den Keller rauschten. Der anschließende Quergang war kurz, nicht sonderlich schwer und wies den besten Fels der Route auf. „Nun muss ich nur noch eine anspruchsvolle Seillänge hinter mich bringen, dann war’s das“, dachte ich mir. Doch das unzuverlässige und schmutzige Gestein forderte durchgehend höchste Konzentration. Eine Mischung aus bröseligem Allgäufels abräumen, Leisten von Moos entfernen und weich greifen, lies nur bedingten Kletterfluss zu. Als ich mich endlich etwas darauf eingestellt hatte, zog ich links an guten Henkeln zu einem Überhang hinauf. Völlig überrascht knackste es und schon schoss ich mit einem Faust großen Griff aus der Wand. Glücklicherweise warf ich ihn beim Flug nach hinten ab, so dass Niels direkt unter mir mit dem Schrecken davon kam. So wirklich Spaß wollte einfach nicht aufkommen…
Auch die letzten zwei Seillängen im Schwierigkeitsgrad 5+ brachten keine fühlbare Qualitätssteigerung. Überall hingen lose Schuppen zwischen grasigen Griffen. Der Tanz auf rohen Eiern hielt uns bis zum Ende der Route in höchster Anspannung. Nun ging es im Eiltempo den steilen Grasrücken weiter hinauf bis zum wirklichen Gipfel, den wir in der Dämmerung erreichten. Bei völliger Dunkelheit sausten wir mit unseren Fahrrädern durch das schöne Oytal zurück nach Sonthofen. Hier verabschiedete ich mich von Niels und strampelte die restlichen 25 Kilometer nach Hause in die warme Stube.

 

Die Fakten unseres Alpinathlons:

  • Wir legten mit dem Fahrrad eine Gesamtstrecke von rund 90 Kilometern bei einem Höhenunterschied von 2800 Metern (auf und ab) zurück. Die Laufdistanz der Tour zu Fuß beträgt ca. 5 Km.
  • Die Kletterroute allein hat 7 Seillängen bei einer Länge von rund 230 Meter.
  • Der angegebene Schwierigkeitsgrad liegt bei 7-, 7+, 8+/9-, 7-, 7+, 5+, 5+.
  • Vom Ausstieg sind es nochmals etwas mehr als 100 Höhenmeter im grasigen Schrofengelände bis zum Himmelhorn Gipfel. Danach folgt man dem Gratverlauf  in Richtung Schneck, bis man auf den Wanderweg zum Laufenbacher Eck und Käseralpe stößt.

Tageslicht Dauer im November: Ca. 8,5 Stunden.

Der „Allgäu-Alpinathlon“ sollte für uns den Abschluss eines ausgefüllten Kletterjahres darstellen und zugleich an die großen Leistungen der Kletterpioniere früherer Zeiten erinnern.

Die klettertechnischen Schwierigkeiten verbunden mit dem Aufwand den die Alpinisten früherer Zeit zu leisten hatten (schlechtes Klettermaterial, schlechte Sicherungsmöglichkeiten, An-/Abreise zu Fuß oder mit dem Fahrrad…), sind mit den heutigen Stand kaum zu vergleichen. Deshalb zolle ich diesen „wilden Burschen“ von damals meinen höchsten Respekt. Leider lebten sie auch extrem gefährlich…

Persönliches Fazit:

Die Route „Sky Ride“ am Himmelhorn ist lange nicht so anspruchsvoll wie im Führer beschrieben. Die größte Herausforderung war für uns die Wegfindung im feuchten Steilgras zum Einstieg und der oft brüchige Fels in der Route.

Hier mein Bewertungsvorschlag:

  • 6,  7, 8+/9-, 6, 7/7+, 5+, 5+
  • Zwei zusätzlich geschlagene Griffe sind nicht notwendig und verändern den Schwierigkeitsgrad kaum.
  • Mobiles Sicherungsmaterial wie Keile und Friends konnte ich nicht einsetzen.
  • Ein Rückzug aus der Route ist unter Umständen auch nach dem Quergang noch zu bewerkstelligen, da dieser kurz und gut gesichert ist. Dennoch dürfte es nicht ganz einfach sein…
  • Alles in allem ein großartiges Erlebnis für Freunde des alpinen Abenteuers. Ganz sicher ist auch hier an schönen Wochenenden wenig Kletterbetrieb…

Alle wichtigen Infos zur Route mit Topo gibt es im Kletterführer Allgäu und  Tannheimer Berge, erschienen im Panico Verlag.

Infos zum Rädlergrat: HIER