April 2013

Markus Hoppe wird überraschend Militär Vize-Weltmeister in der Disziplin „Lead“

Die Einladung

Eigentlich hatte sich der Dresdner Nationalmannschaftskletterer Markus Hoppe (35) schon Anfang 2011 aus beruflichen Gründen vom aktiven Wettkampfklettergeschehen zurückgezogen. Die zeitliche Inanspruchnahme seiner Doktorarbeit lässt nur noch bedingt ein regelmäßiges und gezieltes Klettertraining zu. Dennoch versucht er, sofern es ihm möglich ist, sein hohes Niveau am Felsen zu kompensieren. Das Benzingeld für die aufwändigen Wochenendtrips ins Frankenjura verdient sich Markus bei Deutschlandcups und Landesmeisterschaften als begehrter Routenbauer. Das hat zum Vorteil, dass er den Kontakt zu vielen seiner Kletterfreunde hält und sich immer noch ein Bild über das beachtliche Niveau der Deutschen Spitzenkletterer machen kann.

Der Einladung seines ehemaligen Stützpunkttrainers bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Sonthofen zu den „Military Worldgames 2013“ in Annecy konnte er aber dann nicht wiederstehen und sagte spontan zu. Denn die Möglichkeit sich ohne großen Druck und in einer freundschaftlichen Atmosphäre nochmals mit internationalen Wettkampfkletterern messen zu dürfen, spornte ihn an.

Military Worldgames

Die „Military Worldgames“ entsprechen einer Art Olympischen Spiele für Soldaten aus der ganzen Welt. Im zwei Jahreswechsel werden jeweils Sommer- und Wintergames abgehalten. Die Disziplinen des Wettkampfkletterns wurden den Winterspielen zugeordnet, da diese meist in den klassischen Gebirgsregionen ausgetragen werden und es dort mehr Tradition im Klettersport gibt. Zu den 2. Winter-Worldgames im ehemaligen Olympiaort Annecy (FRA) kamen 1000 Athleten aus 40 Nationen welche sich in den Disziplinen Ski-Slalom, Ski-Riesenslalom, Ski-Langlauf, Biathlon, Ski-Orientierungslauf, Ski-Bergsteigen, Shorttrack, Klettern-Lead, Klettern-Speed und Bouldern messen wollten. Neben hochklassigen Spitzenathleten, Weltmeistern und Olympiamedaillen Gewinnern wurden auch leistungsorientierte Soldaten aus mehr oder weniger exotischen Wintersportnationen gemeldet. So schickte z. B. Afghanistan eine kleine Ski- und Klettermannschaft an den Start.

Wie auch in den anderen Sportarten wurde beim Wettkampfklettern nach internationalen Regeln incl. Dopingkontrollen verfahren. Ein extra dafür engagierter Weltcup-Routenbauer und ein Weltcup-Schiedsrichter sorgten für einen reibungslosen Ablauf.

 

 

Hochkarätiges Starterfeld

Als Markus das hochkarätige Starterfeld mit vielen aktiven Spitzenkletterern einschließlich des österreichischen Weltmeisters Jakob Schubert und dem mehrfachen Weltcupsieger Kilian Fischhuber sah, schraubte er seine Erwartungen drastisch herunter. Dennoch spekulierte er  auf eine Platzierung unter den besten acht, was einem Finaleinzug gleich kommt.

Durch die Qualifikationsroute (7c+) und die  Halbfinalroute (8a+) spazierte er mit einer Eleganz und Leichtigkeit bis zum Topgriff, ohne dass zu erkennen war wie schwer die Routen in Wirklichkeit sind. Anerkennend erhielt er von Zuschauern und Konkurrenten gleichermaßen belohnenden Applaus und durfte sich über den Finaleinzug freuen.

Mit dem Slowenischen Spitzenkletterer Klemen Becan, dem Französischen Meister Fabien Dugit, dem Schweizer Meister Benjamin Blaser und weiteren Athleten aus Frankreich, Schweden und Kasachstan konnte nun der Kampf um die Medaillenränge vor mehr als 1000 begeisterten Zuschauern eröffnet werden.

Die Finalroute 8b+

Die Finalroute im Schwierigkeitsgrad 8b+ war alles andere als ein Spaziergang. Nach der Einstiegsplatte mussten zwei weit ausladende Dächer mit einer trickreichen Linienführung gemeistert werden, bevor man völlig ausgepumpt  in der leicht überhängenden Abschlusswand an Slopern und kleinen Tritten zum Topgriff balancieren sollte. Hochspannung war angesagt.

Bereits nach den ersten Startern in rückwärtiger Reihenfolge des Halbfinal Ergebnisses wurde den Zuschauern schnell klar, dass die Route äußerst selektiv ist. Nach und nach konnten die erreichten Höhenmarken von Kletterer zu Kletterer nach oben verschoben werden. Doch am Beginn des zweiten Daches  versperrte ein abschüssiges Volumen allen Aspiranten den Weiterweg in Richtung Topgriff. Kraftlos fielen sie spektakulär, nahe der Zuschauertribüne ins Leere.

Dann war es soweit. Wie entfesselt startete Markus Hoppe vor begeistertem Publikum in die Route. Man spürte sichtlich an der Eleganz seiner Bewegung welchen Spaß er dabei hatte. Doch schon das erste Dach forderte nun seine volle Konzentration. Denn in einer Schleife führte die Route gleich zweimal an die Kante hinaus, bevor man mit athletischen Zügen in die darauffolgende Platte steigen konnte. Hier neigte sich die Wand kurzzeitig zurück. Doch dementsprechend klein waren auch die Griffe. Markus zog gezielt, aber mit technischem Feingefühl weiter bis zum zweiten Überhang, an dem ein großes Volumen angebracht war. Genau an dieser Stelle flog der bisher führende Benjamin Blasern aus der Schweiz kraftlos aus der Wand und war verblüfft, welche Körperspannung hier gefordert wurde.  Doch davon ahnte Hoppe nichts. Vorsichtig presste er die Hände an das Volumen und  verspannte sich geschickt im Überhang, was die meist französischen Zuschauer mit energischem Beifall belohnten. Jetzt war er in seinem Element und spürte endlich wieder einmal warum er die Jahre zuvor ein so begeisterter Wettkampfkletterer war. Danach schob er sich vorsichtig mit viel Bewegungsgefühl an die Dachkante und inspizierte die zwei nächsten Untergriffe in der Ausstiegsplatte, über die schon das Fachpublikum längere Zeit rätselte. Aber auch das löste Markus mit Bravour, in dem der die umgedrehten Griffe in die Zange nahm und sich mit schnellen Zügen über die Kante schob. Am Applaus der Zuschauer spürte er nun, dass seine Höhe bisher noch nicht erreicht wurde und er in Führung lag. Doch was jetzt kam war auch für ihn nicht mehr zu meistern. An den runden Griffen ohne gute Trittmöglichkeit wurden seine Bewegungen schneller und unkontrollierter. Es war eine Flucht nach vorne, die letztendlich ihren Tribut zollte. Wenige Meter vor dem Ausstieg rutschte er ab und konnte seinen Körper nicht mehr im Gleichgewicht halten. Dynamisch gesichert flog er an der Zuschauertribüne vorbei und landete weich im Seil. Mit strahlendem Gesichtsausruck bedankte er sich beim begeisterten Publikum.

Nur noch der aktive und bereits mehrfache Weltcupsieger Klemen Becan aus Slowenien schaffte es die Höhe von Markus Hoppe um zwei Meter zu übersteigen und somit verdient den Sieg einzufahren. Die Bronze Medaille ging an den Schweizer Meister Benjamin Blaser vor dem zu Beginn an hoch favorisierten ehem. Französischen Meister Fabien Dugit.

Die ebenfalls als Favoriten gehandelten Österreicher Jakob Schubert und Kilian Fischhuber zogen aus taktischen Gründen ihren Startplatz zurück und konzentrierten sich ganz auf den Boulder Wettbewerb. Dies sollte sich auch lohnen, denn hier gewann Schubert vor Fischhuber und Becan.

Fazit:

Die 2. Military Worldgames in Annecy waren in ihrer Art und Weise ein Highlight das nur noch von Olympischen Spielen übertroffen werden kann. Allein schon die Eröffnungsfeier mit dem Einzug von 1000 Sportlern aus 40 Nationen, begleitet vom frenetischen Beifall der 15000 Zuschauer bleibt ein unvergessliches Erlebnis, das die völkerverbindende Freundschaft durch den Sport mehr als eindrucksvoll darstellt.

 

Erklärung:

Lead:                   

Das Vorstiegsklettern mit Seil bei dem die höchst erreichte Höhe des Kletterers gemessen wird. Jeder Starter hat nur einen Versuch. Der Zeitfaktor spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Die Ausdauerdisziplin des Wettkampfkletterns

Bouldern:          

Das Klettern ohne Seil in Absprunghöhe (bis 4,5m) mit Weichbodenmatten gesichert. Innerhalb einer vorgegebenen Zeit müssen mehrere komplexe Bewegungsaufgaben vom Startgriff bis zum Zielgriff gelöst werden. Meist sind es vier Boulderprobleme mit jeweils 4 Minuten Versuchszeit. Je weniger Versuche man in der vorgegebenen Zeit benötigt, desto besser wird man gewertet. Die Maximalkraftdisziplin des Wettkampfkletterns.

Speedklettern:

Beim „Schnellklettern“ wird auf zwei fast identischen Routen gegeneinander auf Zeit geklettert. Die Seilsicherung kommt diesmal von oben (Toprope), so dass keine Sturzgefahr besteht. Der Schwierigkeitsgrad ist bedeutend leichter als bei den anderen Disziplinen, aber dennoch anspruchsvoll. Beide Routen müssen von beiden Startern unmittelbar nacheinander geklettert werden. Der jeweils Zeitschnellste kommt in die nächste Route.Die Disziplin ist vergleichbar mit dem Paralellslalom im Skisport, nur dass es beim Klettern „bergauf“ geht.

Sportfördergruppe der Bundeswehr:   

Die Bundeswehr stellt den Verbänden des Deutschen Olympischen Sportbundes rund 750 Spitzensportlerstellen für Angehörige der jeweiligen Nationalmannschaften zur Verfügung, so dass diese sich unter optimalen Bedingungen auf internationale Wettkämpfe vorbereiten können. Vorrangig werden olympische Sportarten gefördert. Solche oder vergleichbare Fördersysteme gibt es in vielen anderen Nationen ebenfalls.

Routenbauer:

Eine Art Kurssetzer für die jeweiligen Wettkampfrouten. Als hervorragender Kletterer kann man die nationale und die internationale Routensetzerlizenz erwerben in dem man verschiedene Lehrgänge besucht. Vergleichbar wäre ein Kurssetzer beim Ski-Rundlauf (Slalom).

Schiedsrichter:

Der Schiedsrichter ist beim Wettkampf für die Einhaltung des Reglements verantwortlich. So greift ein Schiedsrichter ein, wenn z. B. ein Kletterer auf einen Sicherungshaken tritt oder ein Kletterer mit seiner Höhenwertung nicht einverstanden ist und deswegen Protest einlegt.

Sloper:

Abschüssiger Griff

Hooken:

Sich mit der Ferse am Griff einhängen und nach oben ziehen.

Volumen:

Unheimlich großer Griff der meist rund und abschüssig ist.

Topgriff:

Der letzte Griff einer Wettkampfroute. Wer diesen erreicht, kommt automatisch in die nächst höhere Runde (z. B. Halbfinale, Finale).

Französische Schwierigkeitsbewertung:

7c+ entspricht dem Grad 9+

8a+ entspricht dem Grad 10-

8b+ entspricht dem Grad 10+