Supertramp – Ein Meilenstein des alpinen Sportkletterns

Die Route Supertramp gilt heute noch als Meilenstein des alpinen Sportkletterns. Hier die Geschichte der Erstbegehung, der Sanierung und der Resanierung…

Bockmattli
Das Bockmattli ist ein 1932 m hoher Felsgipfel in den Glaner Alpen. Der Berg liegt etwa drei Kilometer Luftlinie östlich von Innerthal am Wägitalersee in unmittelbarer Nähe des Zürichsees in der Schweiz. An der bis zu 400 m hohen Nordwand wurde über viele Jahre alpine Sportklettergeschichte der Neuzeit geschrieben.

Der neue Stil
Gegen Ende der Siebziger Jahre brachten junge Zürcher, allen voran Martin Scheel, das moderne alpine Sportklettern zum Bockmattli. In einer gewissen Weise wurde hier der neue Stil sogar mit- und weiterentwickelt. Am oberen Ende der damaligen Schwierigkeitsskala befanden sich die „Direkte Nordwand“ am Grossen Turm, frei geklettert 6+ und die „Superlative“ am Föhrenturm (M.Scheel und R.Bärlocher 16.9.1979), die erstmals den unteren 7. Schwierigkeitsgrad berührte. Richtig in Bewegung kamen die Zürcher Kletterer im Sommer 1980: Es entstanden Freikletterrouten wie „Andromeda“ (7) und „Gilgen-hau-ab“ (7). Besonders erwähnenswert in diesem Jahr waren Martin Scheels Erstbegehungen der „Himmelskante“ (7+) und der „Supertramp“ (7+).

Anm. Alle oben genannten Routen wurden später in Übereinstimmung um einen halben Grad aufgewertet.

Der Zeit voraus
Martin Scheel war mit „Supertramp“ seiner Zeit weit voraus: Durch wilde Runouts und konstante Schwierigkeit galt diese Route lange zu den anspruchsvollsten alpinen Sportklettereien in den Alpen.

Auszug aus einem Bericht der Erstbegeher
Wir beschlossen, im Bockmattli weitere Erstbegehungen zu versuchen. Bis dahin hatte es niemand gewagt, in die gewaltige zentrale Platte der 400 m hohen Nordwand des großen Bockmattliturms, westlich des Klassikers der Altmeister Max Niedermann und Peter Diener, einzusteigen. An der rechten Begrenzung dieser Platte eröffneten  Martin und ich die Neutour «Free Trip», bevor wir uns an der eigentlichen Direttssima abmühten. An einem Tag konnten wir höchstens ein bis zwei Seillängen einrichten. Akkubohrmaschinen existierten noch nicht und so mussten wir die Bohrhaken von Hand schlagen, was ein rasches Vorankommen erheblich erschwerte. Beim oberen Quergang ging es dann nur noch mit Seilzug-Unterstützung weiter.

Supertramp
Der Name Supertramp mit mehreren kühn gesicherten Seillängen bis zum oberen siebten Grad (UIAA) war 1980 zutreffend, galt sie doch als die schwierigste Sportkletterroute im gesamten Alpenraum. Die zweite freie Begehung wurde erst zwei Jahre später durch den Deutschen Spitzenkletterer Wolfgang Güllich und die dritte vom bekannten Vorarlberger Beat Kammerlander realisiert. Wegen der großen Hakenabstände – Güllich soll infolge eines Griffausbruchs 20 Meter gestürzt sein – ist die Route bis heute ein ernsthaftes Unternehmen geblieben.

Durch Rost sichtbar angegriffen
25 Jahre nach der Erstbegehung sollte der Meilenstein „Supertramp“ saniert werden. Die Bohrhaken entsprachen nicht mehr dem heutigen Sicherungsstand und waren bereits durch Rost „sichtbar angegriffen“. Der Erstbegeher Martin Scheel stimmte dieser Aktion zu, weil bei den sehr weiten Sicherungsabständen ein Sturz mit Hakenausbruch ernsthafte Verletzungen zur Folge hätte. Das wollte niemand. So wurden alle alten Normal- und Bohrhaken incl. der Standplätze durch neue Edelstahlhaken ersetzt.

Beschwerde einiger Wiederholer
Nach abgeschlossener Sanierung beschwerten sich einige der Wiederholer, dass der ursprüngliche Charakter dieses Meilensteines der modernen Klettergeschichte durch das Anbringen zusätzlicher Bohrhaken drastisch verändert wurde. Ein Umstand, den sich die Sanierer von Supertramp damit erklärten, dass in den 25 Jahren seit der Erstbegehung etliche Normalhaken dazu gekommen sind, die unbewusst, nun auch gegen neue Bolts ausgetauscht wurden.

Wiederherstellung in den ursprünglichen Zustand
Nach Ansicht Martin Scheels hätten die zusätzlichen Haken wesentliche Elemente der Route zerstört, da durch sie Schlüsselstellen in großem Maße entschärft und somit verändert wurden. Der ehemalige Spitzenkletterer verlangte deswegen eine Wiederherstellung von Supertramp in den ursprünglichen Zustand. D.h. nur die nach der Erstbegehung hinterlassenen Fixpunkte sollten durch neue ersetzt werden. Weiteres Material gehöre nicht in die Route.

28 zuviel gesetzte Bohrhaken
Im September 2009 Jahres wurde das Projekt von drei Schweizern angegangen. In zweitägiger Arbeit entfernten sie insgesamt 28 zu viel gesetzte Bohrhaken und verkitteten die Bohrlöcher. Nur im oberen, etwas leichtern Wandabschnitt wurden ein paar zusätzliche Bohrhaken belassen, da der Fels dort weniger kompakte Passagen aufweist. Will man nun den Klassiker der modernen Klettergeschichte in sein Tourenbuch eintragen, ist die Mitnahme von Friends, Klemmkeilen und genügend Selbstvertrauen anzuraten.

Die Geschichte meiner Begehung
1987 gelang mir mit meinem damaligen Kletterpartner, dem Bergführer Bernhard Kriner, die 25. Begehung der Route Supertramp. Als 8er-Kletterer im Klettergarten stiegen wir mit einer gehörigen Portion Mut in die als kühn gesicherte und äußerst hart bewertete 7+ Alpinroute ein. Ein Respekt einflößender Beweiß war die Erfolgsquote von jährlich 3-4 Begehungen bis zu diesem Zeitpunkt.

Im Mittelteil der Wand stieg ich voller Selbstvertrauen direkt in eine unübersichtliche Plattenflucht, um den weit oben sitzenden Bohrhaken anzuklettern. Doch immer mehr driftete ich nach links ab und kam zwei Meter neben dem vermeidlich rettenden Sicherungspunkt heraus. Pulsierende Hitzewallungen überkamen mich, als ich trotz nervenaufreibender Quergangsversuche keine Chance mehr sah auf „Linie“ zu kommen. Jetzt galt es nur noch durch einen kontrollierten 12 Meter Flug in einer leicht geneigten Wandflucht unversehrt wieder am Ausgangspunkt anzukommen…

Gesagt getan. Schweiß gebadet informierte ich meinen Sicherungspartner Bernhard, dass es hier für mich nicht weiter geht. Mit einem „mach zu“ sprang ich ab, hielt den Atem und hoffte auf einen guten Ausgang. In Fallgeschwindigkeit rauschte ich durch die Luft und bereitete mich auf einen abrupten und harten Aufschlag an der Felswand vor. Es war ein Schlag, der den ganzen Körper elektrisierte, mein System kurzzeitig ausschaltete und wieder auf „Neustart“ brachte. Bis auf Schürfwunden an Händen und Beinen incl. eines leichten Schocks blieb ich dennoch unverletzt. Schnell schnappte ich nach Luft und stieg bewussterweise noch während der „Schockphase“ zittrig und voll gepumpt mit Adrenalin wieder in die unübersichtliche Platte. Diesmal tendierte ich mehr nach rechts und kam auf die richtige Linie. Welch ein Glück…

Extrem stolz
Am Ende waren wir extrem stolz unsere Unterschrift in das mit wenigen, aber berühmten Namen versehene Wandbuch setzen zu dürfen. Die Resanierung dieses Meilensteins entsprechend dem ursprünglichen Charakter ist meiner Meinung die richtige Entscheidung und sollte vor weiteren unüberlegten Sanierungsaktionen zum Nachdenken anregen.

Sanierung Ja – aber immer vorher überlegen wie. Das wäre mein Vorschlag.