Schneck Ostwand – Das graue Element

Die Schneck Ostwand zählte lange Zeit zu den schwierigsten alpinen Kletterrouten in den Allgäuer Alpen. Auch wenn der Nimbus längst verblasst ist, lohnt sich ein Besuch auf jeden Fall…

 

Berühmte Grasberge der Allgäuer Alpen
Der Schneck ist mit seinen 2.268 m einer der bekanntesten Grasberge in den Allgäuer Alpen und auf Grund seiner eindrucksvollen Schichtung einzigartig in den Nördlichen Kalkalpen. Vom Oytal bei Oberstdorf aus gesehen ähnelt seine Form einer Schnecke. Ähnlich wie an der Höfats ist die Blumenvielfalt bewundernswert.

Lange Zeit die schwierigste Klettertour der Allgäuer Alpen
Die ins Oytal senkrecht abbrechende Nordwand wurde 1902 von H. Demeter und Gefährten das erste Mal durchstiegen. Durch die Westwand fanden W. Herz und H. Haug 1904 einen Weg. Die teilweise überhängende Ostwand galt lange Zeit als schwierigste Klettertour der Allgäuer Alpen. Bis zum Jahre 1946 war die Führe nach ihrer Erstbegehung durch Risch (1922) erst einmal wiederholt worden (1936). Anderl Heckmaier (Erstbegeher der Eiger Nordwand) schätzte die Route durch die Schneck-Ostwand, nach der dritten Begehung im Jahre 1949, schwieriger ein als die Nordwand der Großen Zinne (Comici), wenn auch bedeutend kürzer..

Anspruchsvolle und lohnende Neutouren
Die Gebr. Schafroth nahmen sich Anfang 2000 der vergessenen Wandflucht an. Zuerst wurde die klassische „Schneck Ost“ 6+ human saniert und wieder salonfähig gemacht. Doch auf Grund des langen Anmarsches im Verhältnis zur Kletterstrecke (rund 200m) hält sich der Ansturm immer noch in überschaubaren Grenzen. So war es auch für mich nach einer damals (1982) noch klassischen Durchsteigung im Rotpunktstil an alten Rosthaken eigentlich genug mit der Allgäuer Graskletterei. Erst als ich von anspruchsvollen und lohnenden Neutouren durch die Schafroth Brüder hörte, kam mir die Wand wieder in den Sinn. Wirklich angegangen bin ich sie dann doch nicht. Zu groß erschien mir der Aufwand des langen Zustiegs.

Das graue Element
Als ich vor ein paar Tagen von einer langen Kletterroute an der Eiger Südwand (22 SL) zurück kam, wollte ich in meinen letzten Sommerurlaubstagen nichts Großes mehr unternehmen. Doch das schöne und stabile Hochdruckwetter forderte einen geradezu auf, nochmals in die Alpen zu gehen. Beim Durchblättern des Allgäu Topoführers erinnerte ich mich an die von den Schafroth Brüdern so hoch gelobte Tour „Das graue Element“ 8 an der Schneck Ostwand. Warum also nicht doch noch mal die Heimatberge besuchen, schlug ich Lena vor.

Schnell überlegten wir uns einen möglichst angenehmen Trip zu dieser markanten Allgäuer Felswand und kamen auf eine interessante Idee.

Am Samstagmittag fuhren wir nach Hinterstein bei Hindelang und besuchten das kleine aber feine Naturbad „Prinzengumpe“. Danach schwangen wir uns auf die Mountainbikes und radelten mit schwerem Rucksack zum Giebelhaus. Gegen 17.30 Uhr genossen wir dort die letzten Sonnenstrahlen mit einer deftigen Brotzeit und Weißbier. Gut gestärkt ging es auf die zweite Radetappe in Richtung Pointhütte, um den lauen Abend in einem gemütlichen Biwak mit Luftmatratze, Schlafsack und einer Flasche Wein genießen zu können.

Sonnen beschienene Ostwand
Nach einer berauschenden Sternennacht wanderten wir relativ gemütlich zur Sonnen beschienenen Ostwand des Schneck Gipfels, die auf einmal aus einem Blumenmeer hervorspitzte.

Der Einstieg der Route war schnell und einfach gefunden, so dass wir wenig Zeit vertrödelten, um endlich loszuklettern. Von Anfang an verlangte das speziell seitwärts geschichtete Gestein einen umsichtigen Kletterstil. Doch je höher wir kamen, umso mehr machte es Spaß. Lena war nach einem Griffausbruch im Quergang etwas anderer Meinung, lies sich aber ihre Schürfwunde mit leicht Schmerz verzerrtem Gesicht von mir verarzten und biss die Zähne zusammen.

Überhängende Schlüsselseillänge
Die Schlüsselseillänge war von unten relativ schwierig zu lesen. Auf jeden Fall sah sie überhängend aus…
Mit einer gewissen Anspannung und der Aufforderung an Lena gut zu sichern, stieg ich in die Seillänge ein. An verhältnismäßig großen Griffen, die nicht alle „bombenfest“ aussahen, ging es in direkter Linie in die steile Wand. Überraschender Weise kam immer wieder ein Riss, eine Zange oder ein Loch zum Vorschein. Genau dort wo man es sich wünschte. Doch auf Grund der Länge des Überhanges begann die Armmuskulatur langsam aber stetig zu übersäuern,  was in dieser Situation mit einer gewissen nervlichen Anspannung einher ging. Denn nicht jeder Henkel hielt was er versprach. Prüfe Griff und Tritt und vermeide dynamische Züge, dachte ich mir. Der Vorsatz war gut gemeint aber schwer umsetzbar in dieser Lage. Denn schön langsam ging die Kraft zu Ende. Die Bewegungen wurden schneller und ungenauer. Wenige Meter vor dem Stand wurde es eng. Ich schnappte, auf schlechten Seittritten stehend, an eine sandige Leiste und merkte, dass dies nicht optimal war. Hektisch tastete ich nach weiteren greifbaren Unebenheiten und wurde mit einem Dreifingerloch belohnt. Dieses einsortiert lies ich aber schnell wieder los, da das vor zwei Wochen gerissene Ringband am Finger nicht damit einverstanden war. Ein stechender Schmerz unterstrich die Fehlentscheidung. Also weiter suchen für die andere Hand und zwar flott, dachte ich mir. Mit sandigen Fingern presste ich eine „Zange“ auf Anschlag und stieg an Reibungstritten höher. Denn mehr als der On-sight trieb mich das mulmige Gefühl eines unkontrollierten Sturzes nach oben. Am Standplatz angekommen erkannte ich erst jetzt die wirkliche Ausgesetztheit der Wand und war froh ohne „Flug“ davon gekommen zu sein.

Allgäuer Steilgras
Die letzten drei Seillängen führten uns noch durch glücklicherweise trockenes Allgäuer Steilgras. Bei Feuchtigkeit ein Alptraum…
Ganz oben am Gipfel genossen wir die schöne Allgäuer Heimat und waren uns einig, dass die Schneck Ostwand auf jeden Fall ein Erlebnis beschert, das einen besonderen Eindruck hinterlässt.

Bericht von 2009