Matterhorn – direkter Furggengrat

150 Meter mit 43 Haken in 7-stündiger Kletterei

Von den vier Graten des Matterhorns ist der Furggengrat der schwierigste. Nur sehr selten wählen Alpinisten den Weg von Südosten auf den berühmtesten Berg der Schweiz. Die bereits 1911 begangene Route ist ursprünglich und wild. Den eigentlichen Grat begeht man erst im oberen Teil, sofern man die Route über den direkten Pfeilerkopf anvisiert. Dieser 150 Meter hohe Aufschwung wurde 1941 von damaligen italienischen Spitzenbergsteigern mit 43 Haken in 7-stündiger Kletterei überwunden. Eine Wahnsinns Leistung, die leider viel zu wenig Anerkennung in der Bergsteiger Szene erfuhr. Die erste Winterbegehung des „direkten Furggengrates“ im März 1953 schaffe kein anderer als der berühmte italienische Extremkletterer Walter Bonatti. Er verbrachte mit seinem Seilpartner zwei Tage in der Route.

Schlüsselstellen Beschreibung mit Fotoreihe auf Facebook

Um auch an solch bekannten Bergen den letzten Rest von Abenteuer zu erfahren, folge ich so wenig es geht den zur Zeit überhand nehmenden „Facebook Veröffentlichungen“ über bekannte Routen und deren jeweils besten Verhältnisse incl. Schlüsselstellen Beschreibung mit Fotoreihe. Der Reiz und die Herausforderung ist für mich nicht den ultimativen „Facebook Eintrag“ über eine Kletterlinie mit optimal Bedingungen zu erwischen, sondern selbst herauszufinden wann und wo ich das Abenteuer der Natur in ihrer ursprünglichen und wilden Art erfahren kann. Wenn möglich allein und abgeschieden.

Sucht man im Internet nach aktuellen Informationen zum Matterhorn Südostgrat oder eine gute Beschreibung der Kletterlinie über die „Furggenüberhänge“, dann wird man wenig finden. Und genau das war der ausschlaggebende Punkt, weshalb ich mit Jürgen Oblinger diese Route schon längere Zeit ins Auge gefasst hatte.

In der Mittagssonne die überhängende Pfeilerkante klettern

Der milde Frühwinter mit einer beständigen Hochdrucklage sollte gute Voraussetzungen für unser Projekt mit sich bringen. Denn meine Idee war, in der kalten Nacht den von Steinschlag bedrohten unteren Bereich sicher und schnell zu überwinden, um anschließend in der Mittagsonne die überhängende Pfeilerkante des Furggengrates klettern zu können. Für den nachmittäglichen Abstieg suchte ich den für mich unbekannten „Lion-Grat“ heraus, da dieser im milden Winter grundsätzlich mit weniger Schnee bedeckt sein sollte als der „Hörnligrat“ auf der Nordseite. Klingt durchdacht, einfach und logisch…

Völlig allein im Bossi-Biwak

Völlig allein erreichten wir eines schönen Nachmittags im Dezember die kleine Bossi-Biwakschachtel am Fuße des Südostgrates. Wir genossen die Einsamkeit und waren dennoch überrascht, dass sich laut Hüttenbuch pro Jahr nicht mehr als 6 – 8 Bergsteiger hier einquartieren.  Die Route für den nächsten Tag schien logisch, wenngleich nicht ganz übersichtlich, da die Ostseite viel mehr Neuschnee aufwies als die Südseite. Dennoch war die Zuversicht groß, im unteren Gratabschnitt auf wenig klettertechnische Hindernisse zu stoßen.

Nach einer unangenehm kalten Nacht in der kleinen Blech-Hütte waren wir froh, als uns endlich der Wecker vom “ dahin zittern“ befreite. Mit zu wenig Decken und einer undichten Türe, die Windschnee auf die Matratzen ablagern ließ, wollte einfach keine gemütliche Stimmung aufkommen.

Im Schein der Stirnlampe durch eine felsige Verschneidung

Im Schein unserer Stirnlampen kletterten wir durch eine felsige Verschneidung von der Südost- auf die Ostseite des Grates. Die plattigen und verschneiten Passagen in Verbindung mit einem eisigen Spinndrift waren anspruchsvoll, weswegen wir uns von Anfang an auf eine große Tour einstellen mussten. Auf der Ostseite angekommen, suchten wir eine Linie auf der wir seilfrei zügig voran kamen. Denn die Tage im Dezember sind kurz, der Weg zum Gipfel aber weit.

Durch steiler werdende Rinnen und kleine Eisaufschwünge kletterten wir dem eigentlichen und bereits sonnenbeschienenen Grat entgegen. Je höher wir kamen, um so wärmer wurde es. Für eine Winterkletterei mehr als angenehm.  Über uns leuchtete die überhängende Gipfelwand mit einigen Schneebalkonen, dazwischen bedrohlich große Eiszapfen. Eine Situation, die grundsätzlich Unwohlsein hervorrufen könnte, wären wir uns nicht sicher gewesen, dass im Dezember auf 4000 Meter kein Eis schmelzen kann. Doch diese vermeintliche Sicherheit schlug schnell in Verwunderung um, als die ersten Steine wie Geschoße an uns vorbei rauschten. Es wäre ein guter Zeitpunkt für eine kontroverse Diskussion über die Theorie des Klimawandels gewesen, hätten wir nicht gespürt, dass die direkte Sonneneinstrahlung im Gipfelbereich unseren Standort gefährdet. Sofort musste ein Plan B her, denn Plan A wurde zu Falle.

Heikle und unzureichend absicherbare Passagen

Über schneebedeckte Felsplatten querten wir im Schutz der leicht überhängende Gipfelwand weg von der ursprüngliche Kletterlinie in Richtung Nordosten. Das war augenscheinlich keine logische aber dafür sichere Variante, um in schattige und somit Steinschlag sichere Wandbereiche zu gelangen. Hierbei mussten teilweise heikle und unzureichend absicherbare Passagen in brüchigem Fels überwunden werden, was immer wieder Anspannung erzeugte. Doch allemal besser als weiter auf der Linie des Südost-Grates zu verharren.

Am Hörnligrat angekommen, waren wir erst einmal erleichtert, die unangenehme Querung über brüchigen und mit Schnee bedeckten Fels hinter uns gebracht zu haben. Der Weiterweg zum Gipfel war jetzt gut ersichtlich, da die dicken Fixseile der Normalroute teilweise aus dem Schnee heraus ragten. Schnell brachten wir diese Passagen hinter uns und standen am frühen Nachmittag völlig allein auf dem höchsten Punkt des Matterhorns. Welch ein selten schönes Erlebnis.

Große Schneewechten

Der vom Tal aus begutachtete, fast schneefreie „Lion-Grat“ sah vom Gipfel völlig anders aus. Ab einer Höhe von 4000 Meter ragten große Wechten über die schmalen Passagen des Weges hinaus. Überall lief Wasser. Der nasse Schnee tropfte und bildete eine sichtbar fragile Verbindung mit den glatten Felsplatten. Eine Situation, die so von unten nicht erkennbar war.

Es war schwierig abzuschätzen ob wir bei diesen Bedingungen mit den restlichen 2,5 Stunden Tageslicht die Carrel Hütte im unteren Teil des Lion Grates erreichen würden. Wenn nicht, hätte uns eine Biwak Nacht bei – 20° C sicherlich in die Knie gezwungen. Denn auf warme Schlafsäcke mussten wir aus Gewichtsgründen verzichten.  Also blieb und nichts anderes übrig als wieder über den verschneiten Hörnligrat abzuklettern, um noch vor Einbruch der Dunkelheit die Solvay-Notunterkunft auf 4000 Meter zu erreichen.

Nach einer weiteren kalten, aber dennoch gut zu ertragenden Nacht auf der Solvay-Hütte stiegen wir den Schnee bedeckten Hörnligrat bis zum Wandfuß auf Schweizer Seite ab. Das war kein sonderliches Problem mehr. Doch nun waren wir auf der falschen Seiten, denn unser Auto stand im italienischen Cervinia. Aber auch dafür entwickelten wir einen Plan B, wie so oft während unserer Tour…

Fazit:

Der direkte Furggengrat im Winter ist eine große Herausforderung, die meiner Meinung nach höher einzustufen ist als z. B. die klassische Nordwand Route am Matterhorn. Leider sind viele Bereiche sehr stark dem Steinschlag ausgesetzt, was durch die grundsätzlich mäßige Felsqualität am Berg zu begründen ist. Konnte die Route früher mehrfach im Sommer begangen werden, würde ich heutzutage davon abraten. Nur bei durchgehend kalten Bedingungen kommt man ohne große Steinschlaggefahr zum Gipfel. Der direkte Pfeileraufschwung wirkt imposant und herausfordernd. Die Felsqualität soll in den schweren Kletterpassagen besser als im Rest der Route sein. Das konnten wir leider nicht mehr ausprobieren, so gerne wir es getan hätten.

Ganz bewusst werde ich kein Topo veröffentlichen, da ich den Reiz und das Anforderungsprofil einer solchen Überschreitung nicht schmälen möchte. Wer ein bergsteigerisches Abenteuer sucht, wird es hier ganz bestimmt im Winter finden.