Klettererlebnisse in der Poncione d `Alnasca Südwand

„Boulder Queen auf Abwegen“

 Ausflug ins Tessin

Eigentlich ist Nina eine talentierte und ehrgeizige Boulderin, weswegen sie sich unserer DAV-Sportklettergruppe in Oberstdorf anschloss.

Als sie mich fragte, ob ich mit ihr in ihrem Urlaub etwas unternehmen möchte, freute ich mich natürlich sehr und brachte die Idee eines  Ausfluges in Richtung Lago Maggiore ins Spiel. Sofort war sie begeistert, weil das Tessin zu den besten Bouldergebieten Europas zählt. Da ich aber nicht nur wegen 5 Meter hoher Felsblöcke über 300 Kilometer weit fahren wollte, schlug ich ihr ein  Gebiet vor, in dem es ganz viele tolle Boulder hintereinander zu beklettern gäbe. Es ist noch nicht sehr populär und wird dementsprechend selten besucht… 

Achterbahn der Gefühle 

Neugierig wie sie ist, wollte sie das sagenumwobene und ihr noch unbekannte Bouldergebiet kennen lernen.

Am Parkplatz angekommen, schweiften ihr suchenden Blicke sofort nach Felsen umher unter denen sie ihr „Crashpad“ auslegen konnte. Doch durch mein  Augenzwinkern und dem weit nach oben gesteckten Zeigefinger wurde ihr sofort bewusst, dass man als Frau den Männern einfach nicht blind vertrauen darf.  

Allein schon der Aufstieg zum Biwakplatz dauerte 3,5 Stunden, weswegen das Gebiet ja auch recht wenig besucht ist. Die Wand die sie nun erblickte, verschlug ihr kurzfristig den Atem. So viele Boulder hintereinander hatte sie noch nie gesehen, geschweige denn jemals erkleklettert…

Als uns dann am Biwakplatz auch noch der italienische Spitzenalpinist “Matteo della Bordella” begrüßte und uns viel Spaß in einer der imposantesten Felswände des Tessins wünschte, verlief ihre Nacht eher unruhig.  Man könnte es auch als einen wilden Ritt durch die „Achterbahn der Gefühle“ bezeichnen. Erholsamer Tiefschlaf war da nicht möglich . Wie sollte es auch anders sein, denn ihr bisher größtes Fels Abenteuer stand kurz bevor.

Rutschen verboten

Ein unerwartetes Morgen-Gewitter konnte uns in der gemütlichen Felshöhle zwar nicht sonderlich beeindrucken, hatte aber zur Folge,  dass der Zustieg im nassen und hohen Steilgras zur absoluten Herausforderung  wurde.

Rutschen verboten!

Je näher wir dem Berg kamen, um so mehr schien uns die Wand zu erdrücken. Ich wusste jedoch, dass die Absicherung in der von mir geplanten Tour recht gut sein soll und ein Rückzug im Notfall ohne größere Probleme durchführbar wäre.

Viel Spaß

In der Route selbst hatten wir beide viel Spaß, obwohl die Schwierigkeiten immer zwischen dem 7. und unteren 9. Grad lagen, sofern man die Haken ausschließlich zur Sicherung und nicht zur Fortbewegung benutzt. Nach ein paar Anläufen und der Unterstützung von Ninas Zurufen gelang mir das dann auch. Aber auch Nina kam immer besser in Schwung. Trotz anfänglichen Unsicherheit dem Anforderungsprofil einer solch großen Wand nicht gewachsen zu sein,  wurde sie zunehmend sicherer und erfreute sich an der Ausgesetztheit in der wir uns nach oben bewegten.

 Unstabile Wetterlage

Ganz zum Ende schafften wir es wegen der unstabilen Wetterlage und dem damit gefährlicher werdenden Rückweg leider nicht. Vorsichtshalber entschlossen wir uns nach den schwierigsten  Seillängen mit einem zeitlichen Sicherheitspolster vor dem Gewitter abzuseilen. Das feuchte Steilgras in Richtung Biwakplatz war auch ohne zusätzlichen Stress herausfordernd genug.  Am Seil ging es mehrfach überhängend zurück zum Wandfuß. Mit einer kurzen  Pause und dem letzten Ausblick ins tiefe Val Verzasca bereiteten wir uns auf den fast 3-stündigen Abstieg vor, welcher dann auch problemlos verlief.

Total müde und zufrieden erreichten wir am späten Abend unsere Heimat im Allgäu und verabschiedeten uns mit einem Augenzwinkern. Denn Nina weiß jetzt, dass auch in einer grandiosen Steilwand das ein oder andere Boulderproblem lösbar ist…

Whatsapp

Zwei Tage später erhielt ich von meiner Kletterpartnerin eine kurze und prägnante Whatsapp “Habe immer noch frei…”

So stiegen wir nochmals in eine große Wand, diesmal in heimatlichen Gefilden..

Mit dem “Anderl Heckmair Gedächtnisweg” 8- kletterten wir gemeinsam über eine der schönsten Felsrouten in den Allgäuer Alpen zum Gipfel des Widderstein.

Welch eine unerwartete Urlaubswoche für eine Boulder Queen…

 

Anmerkung:

Anderl Heckmair war der Erstbegeher der berüchtigten Eiger Nordwand im Jahr 1938 und lebte in Oberstdorf im Allgäu.

Sein Motto:

„Bei meinen bergsteigerischen Unternehmungen hatte ich allzeit den Grundsatz: Es kommt nicht auf die Leistung, sondern auf das Erlebnis an.“

– Anderl Heckmair