Grandes Jorasses – Vier Tage zwischen Erfolg und Drama

Nachdem wir Ende Oktober 2011 die Nordwand der Gr. Jorasses erfolgreich an einem Tag durchsteigen konnten, mussten wir im Abstieg ein Notbiwak einrichten. Wenige Tage später passierte das dasselbe zwei französischen Kletterern kurz vor einem Wetterumschwung…

Grandes Jorasses Nordwand
Bereits im März dieses Jahres war ich mit Günter Bahr unterwegs, um an der Grandes Jorasses Nordwand eine den Verhältnissen entsprechend gangbare Route ausfindig zu machen. Denn nach meiner Winterbegehung des „Leichentuch“ im Jahre 1987 hat es für diese beeindruckende Felsbastion einfach nicht mehr gereicht. Leider vereitelte zu viel Schnee und zu wenig Eis diesen Versuch im Frühjahr 2011.

Ein neuer Anlauf
Als sich heuer im Oktober eine grandiose Schönwettephase über dem gesamten Alpenkamm aufbaute, wurde dies auch sehr schnell in Chamonix vernommen. Immer öfter las man von erfolgreichen Begehungen an der Grandes Jorasses Nordwand. Diesmal nicht über den Extremklassiker „Colton Mc Intyre“ mit seinem langen Eiscouloir sondern die mehr Fels führenden Anstiege am Pointe Walker und am Pointe Croz. So gab es fast einen Run auf die anspruchsvollen Wege „Desmaison“ und “No Siesta“. Vor einigen Jahren auf Grund der hohen Schwierigkeiten fast unvorstellbar.

Auch ich war diesmal bereit für eine große Route an der herrlichen Wand. Mit einem schwedischen Kletterer, wohnhaft in Briancon (FRA), verabredete ich mich für die sagenumwobene „Desmaison Route“ am Pointe Walker. Ein wirklicher Hammer. Doch leider sollte es wieder nicht klappen. Nur wenige Tage vor unserem eigentlichen Treffpunkt in Chamonix sagte er wegen „Unwohlseins“ ab.

Die letzte Hoffnung
Die letzte Hoffnung doch noch jemanden während dieser einzigartigen Schönwetterphase für ein Mixed Projekt begeistern zu können lag in einem E-Mail Rundruf an div. Kletterpartner. Prompt meldete sich Marcel Dettling aus der Schweiz, mit dem ich bisher zwar noch nie unterwegs war, aber seit einiger Zeit in regem E-Mail Kontakt stand. Er gab zu bedenken, dass seine Kondition und alpine Erfahrung für große Routen im Nachstieg bestimmt ausreichend wäre, doch er sich den Vorstieg an der Grandes Jorasses Nordwand noch nicht zutraut.
Auf Grund meiner bisherigen positiven Erlebnisse mit Schweizer Alpinisten einigten wir uns auf einen Versuch am berühmten „Croz Pfeiler mit dem Sloweneneinstieg“, bei dem ich die gesamte Kletter-Führung übernehmen würde. Eine Route, die bei günstigen Verhältnissen an einem langen Tag sicherlich zu bewältigen ist, wenn auch die technischen Schwierigkeiten erst im oberen Teil auftreten.

Laut Internet Recherche war zu erfahren, dass bei optimalen Bedingungen steile Eisschläuche in geschickter Linienführung bis zum Gipfel leiten. Bei weniger guten Bedingungen fehlt das Eis und brüchiger, schlecht abzusichernder Granitfels erschwert das Vorwärtskommen, so dass mit einem Biwak gerechnet werden muss. Die Spannung welche Situation wir antreffen würden war nun doppelt groß…

Leschaux Hütte
Die letzte Zahnradbahn brachte uns am Freitagnachmittag um 16.00 Uhr bequem zu Bergstation der Montenvers hinauf. Mit unseren nur für eine Tagesbegehung ausgestatteten Rucksäcken zogen wir dann gemütlich zur Leschaux Biwakhütte weiter. Neben zwei Spaniern und zwei Franzosen richteten wir uns für einen kurzen Aufenthalt ein und legten uns schnell aufs Ohr, denn bereits um 1.30 Uhr klingelte der Wecker. Mit einem Schluck Tee im Mund und einem Müsliriegel in der Hand ging es rasch hinaus in die düstere Nacht. Das Abenteuer nahm seinen Lauf.

Verirrt im Gletscherbruch
Mühevoll versuchten wir verwehten Spuren einiger Vorgänger zu folgen. Doch das wurde im verrissenen Gletscher immer schwieriger bis nichts mehr im Schein unserer Stirnlampenlicht zu erkennen war. Innerhalb zwei Stunden verirrten wir uns im Labyrinth des Eisbruches so sehr, dass ein Weiterkommen aussichtslos schien. Tonnenschwere Schneetürme und überwehte Spalten versperrten jeden Durchschlupf. Etwas angenervt und frustriert traten wir den Rückzug an und überlegte uns dabei schon ein Alternativprogramm.

Französische Seilschaft
Während des Abstiegs erkannten wir zwei Lichter der französischen Seilschaft aus der Leschaux Hütte schnell auf uns zukommen. Beim Zusammentreffen bat Marcel einen der Kletterer höflich um einen Tipp, ob der chaotische Gletscherbruch in stockdunkler Nacht zurzeit überhaupt in Richtung Croz Pfeiler begehbar sei. Sie deuteten an, unsere Spur wäre viel zu tief angesetzt und deswegen eine Sackgasse. Erst weiter oben, nach dem nächsten Steilaufschwung würde eine Gletscherrampe den Weg durch die Spalten gangbar machen. Tatsächlich hatten sie recht. Gegen 6.30 Uhr erreichten wir schlussendlich doch noch die überhängende Randkluft rechts des Croz-Pfeilers. Eigentlich viel zu spät für eine 1000 Meter hohe Mixedroute im Vorwinter. Doch umkehren wollten wir nun auch nicht mehr…

Run out von 30 Meter
Nach einem kurzen Eisüberhang folgten 60 bis 80 Grad steile Eisrinnen von meist guter Qualität. Nur die Absicherung lies teilweise zu wünschen übrig. Bereits nach wenigen Umdrehungen standen die kurzen 13 cm Schrauben des Öfteren am Fels auf, so dass Runout von 30 Metern ohne verlässliche Sicherung keine Seltenheit waren. Doch wer in so einem Gelände unterwegs ist, dem dürfte das nicht neu sein.
Beeindruckend und anstrengend zugleich ist die anhaltende Steilheit der Route. Es gab während der gesamten Begehung so gut wie keinen ebenen Quadratmeter, den man hätte als ordentlichen Biwakplatz bezeichnen können.
Durch das fortwährende „Pickeln“ im harten Eis verloren wir völlig das Zeitgefühl. Die Stunden vergingen, ohne dass wir genau wussten wie hoch wir eigentlich sind.Erst als eine ausgeprägte Felsscharte den Blick hinüber zum Walkerpfeiler ermöglichte, waren wir nicht nur von der grandiosen Wandflucht beeindruckt, sondern konnten uns erstmals richtig orientieren.

Am Croz Pfeiler
Nun erkannten wir auch den Gipfelgrat, welcher sich klar und deutlich im Sonnenlichtlicht abhob. Der Weg über den Croz-Pfeiler schien klar vorgezeichnet und zeitlich überschaubar zu sein. So waren wir uns recht sicher, dass es keine größeren Hindernisse in Richtung Gipfel mehr geben dürfte. Ein Irrglaube, denn erst jetzt begann die schwierige Mixedkletterei. Über dünn vereiste Felslatten musste ich fast eine ganze Seillänge nach rechts queren, ohne dabei auch nur eine einzige Sicherung legen zu können. Eine Anspannung, die nicht nur bei mir höchste Konzentration forderte, sondern auch für Marcel meinen Nachsteiger großen Mut abverlangte. An einen Fehltritt durften wir gar nicht denken…

Point of no Return
Doch das war nur der Anfang. Denn wenig später stand ich vor einer 80 Grad steilen Rinne, die auf Internetbildern mit Eis gefüllt, normalerweise als Schlüsselstelle deklariert wird. Doch an unserem Tag war auf den ersten 15 Metern kein kletterbares Eis zu erkennen. Vielmehr sah ich splittrigen und brüchigen Fels, der spärliche bis überhaupt keine Sicherungsmöglichkeiten ankündigte. Doch was tun? Am späten Nachmittag auf 4000 Metern Meereshöhe in dieser unangenehmen Situation war nicht einmal an eine Hubschrauberrettung zu denken, da sich der Gipfelbereich bereits in einer dicken Nebelsuppe befand. Also konzentrierte ich mich, nahm all meinen Mut zusammen und schlich vorsichtig Zentimeter für Zentimeter an den Steilaufschwung heran. Der „Point of no Return“ war längst überschritten, als es richtig schwer und brüchig wurde. Endlose Minuten klemmte, stemmte und hookte ich ohne genau über die Konsequenzen eines nächsten (falschen) Schrittes nachdenken zu wollen. Sogar beim Schreiben der Zeilen verspüre ich jetzt noch einen beklemmenden Gedanken, wenn ich mich in die Situation zurück versetze.

Ein unbeschreibliches Gefühl
Irgendwann spürte ich wieder den Zug meines Petzl-Gerätes im festen Eis. Ein unbeschreibliches Gefühl, das ich nur mit einem lauten Schrei der Erleichterung zum Ausdruck bringen konnte. Die Schüsselstelle war geknackt. Im Nachhinein sicherlich eine der psychisch anspruchsvollsten Mixedpassagen in meiner bisherigen Bergsteigerkarriere. Doch das war nun Geschichte. Jetzt galt es so schnell wie möglich die letzten steilen Eispassagen bis zum Gipfel hinter uns zu bringen, denn das Tageslicht verlor zusehends an Stärke.

Gipfel
Während der Abseilfahrt auf die Südseite des Bergers tauchten wir in die Nacht ein und erkannten am Wandfuß nur noch schemenhaft eine große Randkluft. Nach längerem hin und her fanden wir endlich die schwächste Stelle und konnten sie gut überwinden. Der weitere Plan im Gletscherbecken auf erkennbare Abstiegsspuren am Normalweg des Grandes Jorasses in Richtung Bocalate Hütte zu stoßen schlug fehl. Stundenlang irrten wir zwischen Schneegraten, tiefen Spalten und Eisaufschwüngen herum, bis die Entscheidung eines Feibiwaks unumgänglich wurde.

Biwak bei minus 20 Grad
Am Rande einer großen Spalte saßen wir bei ca. minus 20 Grad acht Stunden lang nur mit einem Biwaksack bedeckt im Schnee und bibberten dem nächsten Tag entgegen.
Dieser kündigte sich mit einem herrlichen Sonnenaufgang an, der endlich wieder wohlige Wärme in die steifen Glieder zurück brachte und die Strapazen der Nacht schnell vergessen lies.
Der jetzt erkennbare Weg ins Tal war frei, die Tour geschafft!

 Anmerkung
Erst im Nachhinein fanden wir einen Artikel im Internet in dem zu lesen war, dass alle drei Seilschaften, die im Oktober 2011 am Croz-Pfeiler unterwegs waren, mit dem Hubschrauber gerettet werden mussten. Zwei Partien waren mit der Schlüsselstelle überfordert und eine Seilschaft kam dort zwar hinauf, musste aber im Abstieg ausgeflogen werden. Weitere Seilschaften wurden aus der Bonatti-Route und aus der „No Siesta-Route“ geholt.

Fazit
„Wirklich oben bist du erst, wenn du wieder gesund unten bist“ (Bergsteigersprichwort)

 

Nachtrag

Drama
Während ich diesen Artikel schrieb, ereignete sich ein unvorstellbares Drama zweier französischer Kletterer, die nach der Route „Leichentuch“ im Abstieg in einen Wetterumschwung kamen und vergeblich auf Rettung warteten.

Auszug aus der Zeitschrift „Blick.ch“
Nach sechs Tagen Hoffen und Bangen gestern dann die traurige Nachricht: Der französische Bergsteiger Olivier Sourzac (47) und seine Begleiterin Charlotte Demetz (44) werden tot aufgefunden. Sie verloren den Kampf gegen die eisige Kälte. Das Protokoll des Bergdramas:

Dienstag, 1. November:
Die beiden Bergsteiger starten in Chamonix ihre Tour. Auf der französischen Seiten wollen sie den Gipfel des Grandes Jorasses besteigen. Am Abend kehren sie in der Berghütte Leschaux ein.

Mittwoch, 2. November:
Sie setzen ihre Tour fort. Zügig wollen Sourzac und Demetz den Gipfel erreichen und von dort auf der italienischen Seite zur Boccalatte Berghütte absteigen. Doch die erfahrenen Bergsteiger kommen nur langsam voran. Sie sind gezwungen, die Nacht auf Donnerstag in einem Not-Biwak an einem Felsen zu verbringen, wie das italienische Onlineportal «Montagna.tv» berichtet.

Donnerstag, 3. November:
Von 3900 Metern wollen Sourzac und Demetz zum Pointe Walker (4208 Meter) aufsteigen, um von dort auf der italienischen Seite die Rückkehr anzutreten. Doch eisiger Wind zieht auf. Nebel und Schnee kesseln sie ein. Sourzac und Demetz können unmöglich weitergehen.

Freitag, 4.November:
Der Bergführer und seine Begleiterin schaffen es hinunter bis auf 4050 Meter. Doch sie begreifen: Hier ist Schluss. Der Abstieg ist unmöglich. Sourzac gelingt es, die Rettungskräfte zu alarmieren. Wie die Nachrichtenagentur ANSA berichtet, sagte er: «Wir kehren zurück zu dem Felsen, wo wir die letzte Nacht verbracht haben.» Die Lebensmittel reichten noch «ein kleines bisschen» und der Kocher funktioniere. Das war das letzte Lebenszeichen der Bergsteiger. Die schlechte Sicht und starker Wind mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde zwingen die Rettungshelikopter zurück auf den Boden.

Samstag, 5. November:
Sourzac und Demetz fürchten, dass die Rettungskräfte nicht zu ihnen kommen werden. Aus Verzweiflung brechen sie auf. Sie verlassen ihr Schnee-Loch und wagen erneut einen Abstiegs-Versuch.

Die Bergrettung versucht alles, um zu den beiden Vermissten zu gelangen. Mehrmals steigen Helikopter von italienischer und französischer Seite auf, um die Bergsteiger zu suchen. Doch sie müssen immer wieder umkehren.

Montag, 7. November:
Zwei Bergführer gelangen per Seilwinde vom Hubschrauber auf den Gipfel Pointe Whymper. Sie wollen zu Sourzac und Demetz aufsteigen. Die Männer müssen jedoch ihren Rettungsversuch abbrechen. Es ist zu gefährlich.

Mittwoch, 9. November:
Um 11.30 Uhr gehen die Hubschrauber erneut in die Luft. Der Wind des Helikopters wirbelt den Schnee auf. Die Rettungskräfte entdecken eine rote Jacke. Auf 4026 Metern Höhe finden sie die reglosen Körper von Sourzac und seiner Begleiterin. In einer Nische zwischen den Felsen, auf ihren Seilen sitzend. Sie sind aneinandergebunden und mit Haken an einer Felswand gesichert. Der Arzt kann nur noch ihren Tod feststellen. Sie seien bereits in der Nacht von Samstag auf Sonntag gestorben, sagte er. Zu dieser Zeit tobte am Berg ein heftiger Sturm mit Temperaturen von bis zu Minus 30 Grad. (gtq)

Überlebenschancen sind sehr gering
Nur wenige Bergsteiger überlebten überhaupt unter solchen Extrembedingungen. Im Februar 1971 überstand der Franzose René Desmaison 15 Tage ebenfalls an der Pointe Walker lebend. Sein Begleiter starb damals kurz vor der Rettung. Desmaison, der wie Sourzac ein Schneeloch gegraben hatte, verarbeitete die Tragödie in dem Buch „342 Stunden in den Grandes Jorasses“.

René Desmaison (* 14. April 1930 im Périgord; † 28. September 2007 in Marseille) war ein französischer Bergsteiger, der sich vor allem in den 50er und 60er Jahren mit extremen Winter- und Alleinbegehungen in Fels und Eis einen Namen machte.

Eine Tragödie erlebte Desmaison 1971 am Walkerpfeiler der Grandes Jorasses, als sein Gefährte Serge Gousseault nach zwei Wochen in der Wand starb.