Geiselstein Klettern

Geiselstein – ein Fels-Diamant

Trotz relativ bescheidener Höhe ist der Geiselstein (1884m) ein Fels-Diamant in den Ammergauer Alpen. Von allen vier Seiten zeigt er sich der elegante und unnahbare Berg steil und abweisend. So wird er auch gerne als „Matterhorn der Ammergauer Alpen“ bezeichnet. Die Anstiege zum Gipfel erfordern klettertechnisches Können vom 2. bis zum 9. Schwierigkeitsgrad.

Vom Tal ist er in seiner majestätischen Form kaum zu sehen. Zu hoch sind die Berge rund herum. Umso beindruckender ist es, wenn man nach einer ca. 10 Kilometer langen Fahrradtour durch ein schönes Waldgebiet zum „Wankerfleck“ gelangt und das erste Mal vor der rund 500 Meter hohen Geiselstein Nordwand steht. Wie gemeißelt thront die natürliche Kalkstein Pyramide über den Wiesenflächen des Kenzentals. Die meisten Kletterrouten durch die kompakten Wände sind  besonders empfehlenswert und lohnen einen auf jeden Fall einen Besuch.

Talort:

Halblech

Den kleinen Ferienort an der Ausmündung des Halblechtales erreicht man von Füssen im Allgäu über Schwangau (Königsschlösser) und der Ortschaft Buching.

Nach dem Ortsausgang von Buching führt eine Straßenabzweigung nach rechts zum großen Parkplatz der Kenzenhütte. Von hier gibt es zwei geeignete Möglichkeiten, um an den Geiselstein zu gelangen.

Entweder bei „fair means“ mit dem Mountainbike die gesperrte Straße 10 Kilometer hinauf bis zum Wankerfleck. Oder etwas entspannter mit dem Kleinbus durch das Kenzental bis zur Kenzenhütte. Der erste Bus fährt um 8.00 Uhr morgens ins Tal hinein und zuletzt um 17.30 von der Kenzenhütte wieder zurück. Am Wochenende beginnt der Shuttle bereits ab 7.00 Uhr in der früh. Der Fahrpreis bis zum Wankerfleck beträgt 4,- Euro pro Person für die einfache Strecke.

Übernachtungsmöglichkeit:

Die schöne Kenzenhütte liegt am Ende des Kenzentales, in der Nähe des Ausgangspunktes (Wankerfleck) für den Weg zur Geiselstein Nordwand. Sie ist mit dem oben genannten Busverkehr, dem Fahrrad und natürlich zu Fuß von Halblech erreichbar.

Ausgangspunkt:

Der eigentliche Ausgangspunkt für die Geiselstein Nordwand, Westwand und Südwestwand  ist der „Wankerfleck“. Von hier gelangt man in 30 bis 50 Minuten Gehzeit zu den jeweiligen Einstiegen. Nach Überquerung einer freien Wiesenfläche folgt man dem ausgeschilderten Wanderweg zum Geiselstein, der direkt unter der Nordwand vorbei führt.

Fast alle Routen im rechten Teil der Nordwand benützen in den ersten Seillängen die „Herzogroute“. Danach zweigen sie in eigenständigen Linien rechts zu den jeweiligen Erosionsrinnen ab.

Meine empfohlenen Routen durch die Nordwand:

Der „Herzogweg“ ist rund 500 Meter lang und wurde bereits 1920 mit minimalem technischen Aufwand erstbegangen. Freiklettern auf Spitzenniveau der damaligen Zeit. Die Sicherungsmöglichkeiten beschränkten sich auf eine Handvoll Stahlhaken und ein 30 Meter Hanfseil. Bis auf wenige schrofige Passagen in Wandmitte klettert man meist in hervorragendem Fels. Heutzutage ist die Route gut abgesichert und gehört zu den Klassikern im Gebiet. Die Schwierigkeiten liegen im UIAA Grad 4 bis 5.

Peitinger Weg

Der „Peitinger Weg“ bietet eine Wasserrillen-Seillänge, wie ich sie nicht einmal im bekannten Velebitgebirge (Kroatien) gesehen habe. Ein älterer Auswahlführer beschreibt sie so: „Grandiose Freikletterei mit berühmt gewordener Doppelrille im Schwierigkeitsgrad 6+. Eine zusätzliche Sicherung durch Klemmkeile ist nur selten möglich.“ Im Klartext bedeutet dies, dass Runouts bis zu 20 Meter Länge im 6. Schwierigkeitsgrad zu bewältigen sind. Hut ab vor den Erstbegehern im Jahre 1949, die mit den damals üblichen Lederschuhen sensationell unterwegs waren.

Die Route endet auf dem großen Grasbband in Wandmitte. Entweder man quert von dort aus nach rechts zum Normalweg oder logischer nach links zur „Herzogroute“ und steigt über diese weiter zum Gipfel auf. Insgesamt historisch sowie auch klettertechnisch sehr empfehlenswert.

Die anderen Routen in der Nordwand weisen einen ähnlich schönen Charakter auf, sind aber meist etwas besser gesichert und haben nicht die Mega-Wasserrinne. Sehr zu beachten sind die trockenen Verhältnisse. Auf Grund der geringen Meereshöhe finden sich immer wieder Graspolster in den Felsrissen, welche bei Feuchtigkeit unangenehm rutschig werden können.

Herbstwind

Die relativ neue Route „Herbstwind“ zieht links des „Herzogweges“ am Nordostpfeiler in direkter Linie zum Gipfel. Der mit Bohrhaken gut gesicherte Weg im Schwierigkeitsgrad 5. bis 7- wurde schnell zum Sportkletter-Klassiker. Besonders beeindruckend dabei ist die Seillänge durch den großen Kamin der alten „Nordostkante“. Dieser wurde 1921 mit nur 3 Zwischenhaken erstbegangen und im unteren 6. Grad eingestuft. Lass dich überraschen…

Im achten Himmel

Die Route „Im achten Himmel“ ist ebenfalls als klettertechnische Meisterleistung am Geiselstein und darüber hinaus einzustufen. Diesmal im sich neu entwickelnden  Sportkletterstil der Achtziger Jahre. Der „Gebietsspezialist“ Markus Lutz stieg 1985 mit dem damaligen Spitzenkletterer Peter Gschwendner aus Mittenwald in den absolut kompakten Pfeiler zwischen Nord- und Ostwand ein. Was dabei herauskam, ist eine technisch und moralisch anspruchsvolle Route im oberen achten Schwierigkeitsgrad. Als Gesamtbewertung wurde sogar der untere Neunte Grad herausgegeben, der bis heute akzeptiert wird. In den kompakten Kalkplatten hatten die Kletterer, von unten kommend, ausschließlich mit Normal- und wenigen Bohrhaken gesichert. Für Klemmkeile ist der Fels zu kompakt. Wer sich als Alpinkletterer im unteren 9. Schwierigkeitsgrad etablieren möchte, der findet hier eine anspruchsvolle Herausforderung in einer Route die bis 2017 noch nicht saniert wurde.

Anmerkung:

Akkubohrmaschinen zum schnellen Einbohren von Zwischensicherungen, sowie Kletterhallen für das Wintertraining existierten zu dieser Zeit nur in den Wunschträumen der Alpinisten. Das Anbringen eines Kronenbohrhakens aus der Kletterstellung von Hand dauerte mind. 20 Minuten. Das Training für die schweren Gebirgs-Routen fand ausschließlich im Sommer in den wenig vorhandenen Klettergärten statt.

Zahn der Zeit

Etwas humaner geht es links daneben im „Zahn der Zeit“ (8+, Einzelstelle) zu. Diese Route ist insgesamt leichter und besser abgesichert.

Zum Einstieg beider Routen gelangt man von links über das von unten gut einsehbare Grasband (Pfarrer Geiger Band) in der Ostwand.

Abstieg:

Vom Gipfel folgt man den Markierungen und Wegspuren über einen kleinen Grat in Richtung Nordosten. Eine  Felsrinne in der Westwand bietet eine gestufte Unterbrechungsstelle der sonst kompakten Wandflucht durch die der Normalweg (II) verläuft. Nach ca. 100 Metern leichter Kletterei wird es wieder flacher. Von hier quert man unter der Westwand nach links zum Geiselstein Sattel. Jetzt leiten die beschilderten Wanderwege zurück zum Wankerfleck oder zur Kenzenhütte.

Weitere schöne Routen vom Schwierigkeitsgrad 3 – 9- findet man in allen Expositionen des Berges. Wer dazu Informationen und Topos sucht, findet diese im Auswahlführer „Allgäu & Ammergau“ erschienen im Panico Verlag.