Erste Tibet Doppelexpedition 1988

1988 stand ich als bis dahin jüngster Achttausender-Besteiger Europas auf dem höchsten Berg von China bzw. Tibet.

 Als 20jähriger Alpinist war mein Traum den 8. Grad im Yosemite Valley (USA) in einer Big Wall Route zu klettern und auf einen der höchsten Berge der Welt über 8000 Meter ohne künstlichen Sauerstoff und Hilfe von Hochträgern zu steigen.
Zu dieser Zeit galt der 8. Grad im Alpinbergsteigen noch als große Herausforderungen für wirklich gute Allrounder in der Alpinistenszene. Bohrhaken wurden sehr selten gesetzt, da sie umstritten waren. So gab es bekannte Routen mit dementsprechend gefählichen Runouts, die man dennoch gemacht haben sollte. Die „Supertramp“ am Bockmattli, die „Amacord“ an den Kirchlispitzen oder die „Locker vom Hocker“ an der Schüsselkar gehörten zu begehrten Zielen die in einem Tourenbuch stehen sollten. 

Anmerkung: Kletterhallen kannte man noch nicht und Sportklettergärten gab es bei uns im Oberallgäu nur vereinzelt. Klettern war ausschließlich ein Sommersport.

Der Achttausendertourismus stand ebenfalls in den Kinderschuhen. Die Himalayariesen waren selten besucht, und wenn dann nur von wirklich extremen und meist bekannten Höhenbergsteigern. 

Mehr oder weniger zufällig bekam ich die Chance an einer internationalen Bergführerexpedition teilzunehmen. Das Ziel war verlockend. Die erste Doppelbesteigung von zwei Achttausenden in Tibet ohne künstlichen Sauerstoff und im Alpinstil. 

In den medizinischen Fachzeitschriften konnte ich jedoch lesen, dass junge Bergsteiger unter 26 Jahren noch nicht genügend physische und psychische Reife für die hohen Berge der Welt haben und deshalb die Erfolgschancen eher gering seien.  Verstätkt wurde diese Aussage durch meine nicht vorhandene Höhenerfahrung. Außer ein paar 4000er konnte ich nichts vorweisen. 

Lange überlegte ich hin und her, bis mir eine alte Weisheit die nötige Motivationsgrundlage verschaffte: „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ – Das klang sehr logisch für mich. Für meine Eltern und meine damalige Freundin eher nicht… 

 

Presseartikel 

„22-jähriger Allgäuer ist jüngster Achttausender-Besteiger Europas
Qualvolle Schmerzen die nur durch Morphium betäubt werden konnten, die alles lähmenden Angstzustände der Höhenkrankheit und die totale Frustration beim Anblick eines toten Bergkameraden, gehörten mit zu den Erlebnissen des jüngsten, deutschen Achttausender- Besteigers, des Oberallgäuers Walter Hölzler. Aber auch das große Abenteuer, sich selbst zu bezwingen, die Angst zu überwinden und die Grenzbereiche des Lebens kennen zu lernen hat der 22jährige Alpinist während der dreimonatigen Tibetexpedition erlebt, die den 8013 Meter hohen Shisha Pangma – der einzige Achttausender der ganz auf chinesischem Territorium steht – so wie den 8201 Meter hohen Cho Oyo zu Ziel hatte. Sieben Wochen verbrachte Walter Hölzler am Berg, in einer Höhe von über 5000 Metern. Bei orkanartigen Monsunstürmen und bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad, verwischten sich für ihn Traum und Wirklichkeit, brachte zeitweise nur die Erschöpfung die ersehnte Ruhepause

Die Fachliteratur gibt jungen Bergsteigern im Alter zwischen 18 und 26 Jahren nur geringe Chancen in Höhen von 8000 Metern zu bestehen. Doch der „jüngste Achttausender-Mann“ ist nicht unerfahren. 1986 bezwang das einstige Ski-Ass das 4477 Meter hohe Matterhorn im seillosen Alleingang durch die frisch verschneite Nordwand. Im Frühjahr 1987 spezialisierte sich der in der Sonthofener Sportschule stationierte Soldat aufs extreme Alpinklettern. Fünf Wochen Training im amerikanischen Yosemite Valley, das mit zu den bekanntesten Klettergebieten der Welt zählt, standen auf dem Programm.

Die große Chance
Während eines Praktikums im Rahmen der Ausbildung zum staatlich geprüften Bergführer beim DAV-Summit Club, Deutschlands größter Bergsteigerschule, erfuhr Walter Hölzler von der internationalen Tibet-Expedition für die zwei 8000er, die bei der tibetanischen Regierung beantragt und von dieser bereits genehmigt war. Und zwar für die Vormonsunzeit, April, Mai, Juni.
Das Scheitern war miteinkalkuliert, als sich Walter Hölzler nach langem überlegen für die Teilnahme an der Expedition entschied. Der Vorteil dabei war, dass es zwei Berge waren. Sollte das Unternehmen auf den ersten 8000er nicht gelingen, so war noch eine zweite Chance gegeben. Expeditionserfahrene Leute (meist Bergführer) zählten zu den 18 Teilnehmern aus drei Nationen. Drei unter ihnen – allesamt Ärzte – standen bereits auf dem Gipfel des Mt. Everest. Von Nepals Hauptstadt Katmandu ging es in Geländejeeps nach Tibet. Der dreizehnthöchste Berg der Welt, der Shisha Pangma war das Ziel. Auf 5000 Meter Höhe, 25 Kilometer vom Berg entfernt, wurde das Basislager errichtet. Eine Höhe, die für Europäer bereits ungewohnt ist und die auch Walter Hölzler – trotz körperlicher Bestform – zum Verhängnis werden sollte.
Er hatte darüber gelesen, über die Höhenkrankheit. Doch ihr Ausmaß übertraf die schlimmsten Vorstellungen: Durch den Sauerstoffmangel verkrampft die Atemmuskulatur, wie im Alkoholrausch geht jedes Gefühl für zeit und Raum verloren, die geringste Bewegung erfordert wahnsinnige Anstrengung, was bleibt, ist panische Angst. Künstliche Beatmung mittels einer Sauerstoffmaske hilft für den ersten medizinischen Zweck. Jedoch nur ein Abtransport in niedrige Höhe kann den tödlichen Ausgang dieser Erkrankung verhindern. Für Walter Hölzler bedeutete dies das Verlassen des Basislagers und den Aufenthalt in der 150 Kilometer entfernten, nächstgelegenen Siedlung.

Ein Verhängnis folgt dem anderen
Ratten leisteten ihm in der Hütte Gesellschaft und die ungewohnte Ernährung sorgte zusätzlich für eine Magen- Darminfektion. Dem Scheitern weit näher als dem Erfolg nahmen quälende Zweifel dem Allgäuer Extrem-Kletterer jene Selbstsicherheit, die ihn soweit getragen hatte. Und dies alles, ohne den Berg auch nur gesehen zu haben. Doch die Betreuung durch die Expeditionsärzte brachte Walter Hölzler bald wieder auf die Beine und nach eineinhalb Wochen wieder ins Basislager zurück.
Doch nun entzündete sich ein Schneidezahn (Wurzelzyste) und die Schmerzen dehnten sich auf die gesamte Gesichtshälfte aus. Unerträgliche Schmerzen, gegen die selbst Antibiotika erfolglos blieb. Erst seine Schreie verhalfen Walter Hölzler zu einer Betäubungsspritze, die die Ärzte für den Ernstfall bereit hielten. Und der Ernstfall hieß: Kiefer aufschneiden und den Eiterherd beseitigen. Ein Eingriff, der wegen der zu befürchtenden Infektionsgefahr bis zum letzten Augenblick hinausgezögert wurde. Doch nach insgesamt zweieinhalb Wochen war der Allgäuer dann endlich wohlauf.
In dieser Zeit hatte die Expedition vom Basislager bis zum Gipfel vier Hochlager errichtet. Jedes dieser Hochlager bestand aus zwei Spezialzelten, leicht und widerstandsfähig gegen Sturm und Schnee. Das Rauf und runter – vom Basislager zum vorletzten Hochlager und wieder zurück – trägt entscheidend zur Akklimatisation bei. Der Weg von einem Lager zum andern bedeutete für die Expeditionsteilnehmer jeweils einen Tagesmarsch, Sherpas gab es keine. Nach drei bis vier Wochen brechen die ersten zum Gipfelsturm auf.
In der „Todeszone“ der Achttausender ist Erholung nicht mehr möglich. Das Herz arbeitet ständig auf Hochtouren, um den Körper mit Sauerstoff zu versorgen, der Ruhepuls liegt bei 100 Schlägen (normal 38-40). Der Körper baut nur noch ab. Jetzt heißt es, entweder rauf oder runter. Ein Lotteriespiel ist es allemal.
Bedingt durch die Krankheit ist Walter Hölzler in der letzten Gruppe. Die ersten Erfolgsmeldungen kommen bereits vom Gipfel. Der Allgäuer geht in einer Zweiergruppe mit dem deutschen Bergführer Peter Geyer (später deutscher Bergführerpräsident). Beide beabsichtigen eine Skibefahrung vom Gipfel des Shisha Pangma, was bis heute nur einem einzigen Menschen gelungen ist. Auf dem Weg zum Lager zwei wird Peter Geyer höhenkrank. Er muss zurück. Durch diesen Ausfall demoralisiert, geht auch Walter Hölzler wieder zurück ins Lager eins. Kurzfristig entscheidet sich dort ein anderer Bergführer, nach einem Fehlversuch, nochmals mit dem Allgäuer den Aufstieg zum Gipfel zu wagen.
Die zuvor und als letztes gestartete Gruppe hatte jedoch nicht mehr mit dem Gipfelanstieg von Walter Hölzler gerechnet. Ein erneuter Rückschlag für die beiden letzten sich am Berg befindlichen Alpinisten. Mit Skiern suchen sie sich mühsam einen Weg durch riesige Eisspalten Zonen ins Lager drei. Kurz vor dem Erreichen bricht der Boden unter Walter Hölzler weg, er stürzt samt den Skiern und dem schweren Rucksack sieben Meter in eine Spalte. Am Seil baumelnd, blickt er etwa in eine 100 Meter tiefe schwarze Schlucht. Der Schreck löst einen erneuten Sauerstoffmangel aus. Die beiden Bergsteiger befinden sich in einer Höhe von 6900 Metern. Die Erschöpfung macht sich breit. Erst nach Stunden hat auch Walter Hölzler wieder festen Boden unter den Füßen. Mit letzter Anstrengung erreichen sie spät abends das Lager. Doch außer einem Zelt, war nichts mehr vorhanden. Keine Funkgeräte, kein medizinischer Sauerstoff, keine Lebensmittel, kein zusätzliches Gas zum Wasser schmelzen. Niemand hatte mehr mit ihnen gerechnet. Also war keine Verbindung mehr zu den Kameraden im Basislager möglich. Ausgepumpt und völlig erschöpft überlegen sie den Abstieg. Doch fast am Ziel, entscheiden sie sich gegen eine Rückkehr und steigen am nächsten morgen weiter auf. Im Lager vier erwartet sie wieder der gleiche Anblick: Nur ein leeres Zelt mit Rissen auf einem ausgesetzten Gratabsatz. In der Nacht wird das Wetter schlechter. Der Sturm bläst den feinen Schnee durch das Zelt, bei Temperaturen von –35 Grad. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Sollte hie auf 7300 Meter Höhe, im letzten Hochlager alles zu Ende sein? Walter Hölzler will es nicht glauben.

Auf schwierigem Weg zum Gipfel
Nicht mehr denken, nur noch handeln, heißt seine Entscheidung. Er klammert während der Nacht an den Zeltwänden um die Risse zusammenzuhalten. Am 19. Mai um 7 Uhr morgens, lässt der Sturm etwas nach. Beide brechen nach langem Zögern dennoch zum Gipfel auf, ohne Seil, jeder kämpft für sich alleine. Die Skier lässt Hölzler auf 7500 Metern stehen, da eine Abfahrt über die vereisten Hangpassagen mit einem unkalkulierbaren Risiko behaftet wäre.
Nach 8 Stunden stehen sie um 16 Uhr auf dem Zentralgipfel des Shisha Pangma. Eigentlich viel zu spät, so dass statt einem Glücksgefühl die völlig erschöpften Bergsteiger eher Angst vor dem langen Rückweg überfällt. Beim Gipfelfoto bricht Hölzlers Partner bewusstlos zusammen und stürzt 100 Meter unkontrolliert in die ca. 50 Grad steile Nordflanke. Eine kleine Terrasse mit Harschschnee und Fels verhindert einen weiteren Absturz in die 2000 Meter tiefe Nordwand. Die dünne Luft fordert ihren Tribut. Spät in der Nacht erreichen sie mit Aufbringung aller verfügbaren Kräfte das zerrissene Hochlager vier. Todesangst überfällt sie…
Am nächsten Morgen verhindert herrliches Wetter eine Tragödie. Langsam aber stetig steigen/fahren sie mit weiteren zwei Biwaknächten in tiefere Lagen ab. Sieben Tage nach ihrem Aufbruch vom Basislager kommen die völlig erschöpften Bergsteiger dorthin zurück.

Eine zweite Chance
Obwohl es auf dem ersten Achttausender-Gipfel kein Hurra gab, kein Foto mit Fahne und Freudentaumel und obwohl der Abstieg für Walter Hölzler und seinen Bergkameraden am Tod vorbei ging, ist der Allgäuer zusammen mit der Expedition ins Basislager des Cho Oyo gewechselt. Walter Hölzler wollte sich auch am zweiten Achttausender – dem sechst höchsten Berg der Welt – versuchen. „Die Göttin des Türkis“, wie der 8201 Meter hohe Cho Oyo in der deutschen Übersetzung heißt, war dem Bergsteiger aus dem Oberallgäu jedoch nicht hold. Bereits akklimatisiert, sollte der Berg in kürzester Zeit im Alpinstil bezwungen werden. Es wurde also keine Lagerkette, mit Ausrüstung, medizinischer Versorgung und Verpflegung, sondern nur Biwakplätze errichtet. Für die Expeditionsteilnehmer bedeutete dies, das riesige Gepäck mit Zelt Schlafsack, Gaskartusche, Verpflegung und zusätzlicher Kleidung von Biwak zu Biwak zu tragen.
Ungefähr auf 7800 Meter Höhe, nur noch wenige Meter vor der Gipfelhochfläche, endete für Walter Hölzler und seinem Bergführer Kollegen aus Chamonix die zweite Achttausender Besteigung in Folge. Der Fund eines an Erschöpfung gestorbenen Bergsteigers hatte letztlich die Entscheidung zum frühzeitigen Abbruch beeinflusst. Ausschlaggebend waren aber die Höhenstürme um 180 Stundenkilometer die alles was nicht „niet und nagelfest“ war, vom Berg fegten.
Das Durchhalten sollte für den Allgäuer nicht zum Durchdrehen führen. Er war mit seiner Leistung zufrieden, war glücklich über den Erfolg und vor allem über die gesammelten Erfahrungen, auch am zweiten Achttausender innerhalb weniger Tage.

Geschrieben: 1988
Rosmarie Kropka

 

Anmerkung
1988 waren die Berge noch „clean“, d. h. es gab keine anderen Expeditionsgruppen am Berg, keine Hochträger, keine Fixseilstrecken, keine Hubschrauber, keine Sattelitentelefone und keine weitere Kommunikationsmöglichkeit zur Außenwelt. An beiden Bergen waren wir völlig allein auf uns gestellt und agierten by fair means.

Der tote Bergsteiger
Wochen später erfuhren wir zu Hause wer der Bergsteiger war den wir gefunden hatten und wie er ums Leben gekommen ist. In dem eingefügten Link meines Berichts findest du auf der Homepage von Dr. Schmatz die Kronologie der Umstände.