Eisklettern Gasteiner Tal – „Supervisor“

Das Gasteiner Tal zu weit für uns Allgäuer Kletterer

Bisher war es mir immer zu weit, wegen ein paar Seillängen bis ins Gasteiner Tal zu fahren, zumal man sich nie zu 100% sicher sein kann, dass die Bedingungen vor Ort dann auch wirklich passen. Dennoch stand der Hotspot der österreichischen Eiskletterszene immer weit vorne auf meiner Wunschliste.

Der „Thron“

 Kurz vor dem Auslandseinsatz in Afghanistan besuchte mich mein Kletterpartner und Heeresbergführer Niels aus Bad Reichenhall mit seiner kleinen Familie im Allgäu. Außer Kaffee trinken und Kuchen essen wollten wir die Zeit auch zum Eisklettern nutzen. Doch da die Bedingungen bei uns am Alpenrand nicht sonderlich gut waren, zeigte ich ihm einen der schönsten Eis-Wasserfälle der Schweiz, den „Thron“ im Averstal.

Gesagt getan, es war ein herrlicher Tag mit akzeptablen Bedingungen an diesem grandiosen Eisgebilde.

Gute Bedingungen im Gasteiner Tal  

Bei der Nachhausefahrt schwärmte mir Niels wieder einmal von den ähnlich hohen und vergleichbar schönen Wasserfällen im Gasteiner Tal vor und bemerkte, dass dort momentan die Bedingungen für große Routen ebenfalls passen müssten. Interessiert vernahm ich diese Aussage und schmiedete sofort neue Eiskletterpläne. Am besten wir fahren demnächst dort hin, schlug ich Niels vor…

Nur ein kleines Zwischentief  

Recht schnell war ein Gegenbesuch mit meiner Familie bei Niels in Bad Reichenhall organisiert. Die Eis-Bedingungen blieben weiterhin stabil. Das vorhergesagte kleine Zwischentief mit unergiebigen Schneefällen beunruhigte uns nur wenig, denn im senkrechten Eis bleibt so gut wie kein Schnee liegen. In Bad Reichenhall angekommen, teilte mir Niels seine Befürchtung mit, dass im Gasteiner Tal seit der letzten Nacht der Südwind blasen würde und deshalb die Lawinengefahr zu beachten ist. Im Lawinenlagebericht selbst ging man darauf nicht sonderlich ein und beließ die Gefahrenstufe „zwei“, so wie in den vergangenen Tagen auch…

„Supervisor“

Früh morgens im Gasteiner Tal stellten wir etwas überrascht fest, dass es statt den vorausgesagten 10 cm fast 20 cm Neuschnee hatte und wir ganz alleine sind.
So spurten wir im knietiefen Pulverschnee zur sogenannten „Eisarena“ hinauf und bestaunten die traumhaften Eislinien des bis zu 250 Meter hohen Felskessels. Eine einzigartige Kulisse…
Schnell entschieden wir uns für den berühmten „Supervisor“ (250m, WI 6). Er sah im unteren Teil zwar recht verschneit aus, lies dafür aber im oberen, steilen Teil, gut gewachsene Strukturen erkennen. Ich fühlte mich fit und bot Niels an den gesamten Vorstieg zu übernehmen. Doch das war in der Praxis unangenehmer als gedacht. Denn seine Vermutung, der südliche Fallwind könne den Schnee massenweise in die Eisarena blasen wurde zur  Realität. Jede kleine Unebenheit war mit lockerem Neuschnee gefüllt, was das Klettern merkbar erschwerte. Eine Situation, die ich aus unseren Regionen so nicht kannte.

Neuschneelawine                                                                                                                                                                                        

Je höher wir stiegen, umso besser kamen wir voran und erfreuten uns an der zunehmenden Steilheit. Doch dann überraschte mich auf einmal mehrere Meter über der letzten Eisschraube, eine relativ große Neuschneelawine. So schnell es ging, drückte ich mich an das senkrechte Eis und hoffte, dass der Schwall aus Schnee keine Eisbrocken oder Steine mit sich führt. Welch ungutes Gefühl in dieser wackeligen Position…

Kurze Zeit nachdem der Schauer vorüber war, blickte ich suchend zu Niels hinunter. Weiß wie ein Schneemann konnte ich ihn fast nicht mehr erkennen.  Ich signalisierte ihm, dass alles o. k. wäre und ich nun schnellstmöglich einen sicheren Standplatz suchen werde. Dort angekommen, ging dasselbe Spiel von Neuem los. Zuerst ein Rauschen, dann Unmengen von lockeren Schneemassen über mir. Sofort duckte ich mich, hielt die Luft an und hoffte, dass der Spuk schnell vorüber geht.

Große Mitreißgefahr

Als Niels bei mir war, beratschlagten wir die Situation. Solange die Lawinengefahr nicht zunimmt, müsste ein Weiterweg noch vertretbar sein, so unsere Meinung. Denn im senkrechten Steileis war die Hoffnung begründet, dass der Hauptteil der Lawinen über unseren Köpfen hinweg schoss. Das war auch so, obwohl das Gefühl im Vorstieg von den Schneemassen aus dem Gleichgewicht gerissen zu werden stets präsent war. Im flacheren Ausstiegsbereich angekommen, beratschlagten wir erneut, weil sich jetzt das Risiko der Mitreißgefahr um ein Vielfaches erhöhte. Die Entscheidung, sich schnellstmöglich aus dem Gefahrenbereich zu entfernen, fiel schnell und einstimmig.

An Eissanduhren abseilend machten wir uns im wahrsten Sinne des Wortes aus dem „Schnee-Staub“.

Frühjahr 2013

Fazit:

Das Gasteiner Tal bietet herrliche Eisketterrouten in einer grandiosen Umgebung.
Bei guten Verhältnissen und schönem Wetter gibt es hier an den Klassikern wie „Mordor“ (270m – WI 5) des Öfteren Massenandrang.
Bei schlechterem Wetter und nach Schneefall kann es gefährlicher werden als man vermutet, da die großen, oftmals lawinenträchtigen Hänge über den Wasserfällen von unten nicht einsehbar sind.

 

Trailer über das Solo-Eisklettern im Gasteiner Tal