Ein Sommernachtstraum der besonderen Art am Piz Palü

Innerhalb 24 Stunden über die drei Pfeiler
Das „Internationale Jahr der Berge“ 2002 nahmen zwei Allgäuer Alpinisten zum Anlass, einen Hattrick der besonderen Art zu versuchen. Walter Hölzler aus Thalkirchdorf und Toni Steurer aus Oberstdorf starteten zu einem „Sommernachtstraum“ im 4000 Meter hohen schweizerischen
Bernina-Massiv: Innerhalb von 24 Stunden kletterten sie über die drei Pfeiler des Piz Palü.

Klettern in seiner ursprünglichen Form
Ökologie und Triologie waren die Angelpunkte der Idee, die der Extrem-Bergsteiger Walter Hölzler schon einige Zeit mit sich trug. „Fünf Jahre hatte ich das Unternehmen schon im Kopf. Das Internationale Jahr der Berge gab dann den letzten Anstoß, diese Tour über die drei Pfeiler des Piz Palü zu starten“, beschreibt Hölzler die Initialzündung  für sein neuestes alpines Abenteuer. Ökologisch, so ein weiteres Element der Triologie, sollte das Unternehmen auch sein. Also möglichst wenig technische Hilfsmittel, Anmarsch per Mountainbike und zu Fuß, Klettern in seiner ursprünglichen Form.

Die weiße Hölle am Piz Palü
Für Walter Hölzler ist der 3900 Meter hohe Piz Palü in der Berninagruppe einer der schönsten Gletscherberge der Welt. Mit seinen drei Pfeilern gleicht er einemgotischen Dom. In dieser einmaligen Kulisse wurde 1929 der Bergfilm „Die weiße Hölle am Piz Palü“ gedreht, der in kurzer Zeit zum Kassenschlager wurde. Extrem auch der Bernina-Express, die höchste Zugverbindung über die Alpen – ein faszinierendes Schauspiel für Touristen , die in die berühmten Orte wie St. Moritz und Pontresina strömen, um die spektakulären Bergmassive mehr oder weniger hautnah zu bestaunen.

Trilogie an der Piz Palü Nordwand
Wenn es beim Bergsteigen schnell gehen soll, muss sowohl die Vorbereitung stimmen, als auch die aktuellen Bedingungen passen. Schnell jedenfalls wollten Toni Steurer, der deutsche Meister im Skitourenrennen und sein Kletterkollege Hölzler die „Triologie am Piz Palü“, vollziehen. Ende Juni
schien dann tatsächlich alles zu stimmen. Das Duo brach auf, um das Trio zu
stürmen…

Bernina-Express
„Das 24 Stunden-Limit bot sich an“, erklärt Hölzler den Kick dieser sportlichen Herausforderung. Die drei, bis zu 800 Meter hohen Nordwandpfeiler sind großartige Kletterunternehmungen und dauern für eine gute Seilschaft normalerweise sieben bis neun Stunden pro Pfeiler; ohne Zu- und Abstieg. Am Mittelpfeiler, dem schwersten des Trios, müssen Kletterpassagen im oberen 5. Schwierigkeitsgrad mit Steigeisen bewältigt werden. Der anschließende Hängegletscher wartet in der direkten Route mit einer fast 20 Meter hohen, bis zu 80 Grad steilen Eiswand auf.

Start und Ziel am Bahnhof
Start und Ziel sollte der Bahnhof St. Moritz sein, dort wo der Bernina-Express zu seiner atemberaubenden Reise durch die Bergwelt startet. Hier starten Hölzler und Steurer abends um 20 Uhr. Zum „Warmmachen“ strampelten sie – bepackt mit der gesamten Bergsteigerausrüstung – 20 Kilometer hinauf zum 300 Meter höher gelegenen Bernina-Pass. Von hier ging es zu Fuß zum eigentlichen Ausgangspunkt des Kletterunternehmens, der Diavollezza-Hütte. Nach einer kurzen Rast marschierten die beiden auf das große Gletscherfeld am Fuß des Westpfeilers. „Leider stand der Mond ungünstig und es war schwer in der Dunkelheit den richtigen weg zu finden“, erinnert sich Hölzler. Die sonst sehr schwierig zu überwindenden glatten Felspassagen waren noch verschneit und gut zu passieren. Noch vor Sonnenaufgang standen Steurer und Hölzler auf dem ersten Gipfel. Kletterzeit: Gut zwei Stunden. „Mehr schlecht als recht ging es mit den Mini-Skiern teils kletternd und rutschend fast 900 Meter hinab zum Fuß der Wand“, so Hölzler. 20 Minuten Pause. 6. 30 Uhr. Der Mittelpfeiler wartet. „Hier ist Schnee und Eis eher hinderlich“, beschreibt der 37-Jährige Oberallgäuer die Bedingungen. „Oft mussten Risse freigelegt werden, um  vernünftige Sicherungspunkte zu finden“.  Mit Steigeisen und ein paar Klemmkeilen waren einige Seillängen in anspruchsvoller Mixedkletterei nur mühsam zu bewältigen. Etwas später als geplant erreichen die beiden Extrem-Alpinisten nach sechseinhalb Stunden den Hauptgipfel des Piz Palü.

Schnelldurchgang
Die mühsame Kletter- und Spurarbeit über dem Gletscher  hatte an Kräften der
zwei Männer gezehrt, doch es sind nur 20 Minuten Pause drin. Eine unerwartete Schwierigkeit zieht in Form einer Kaltfront auf die Berninagruppe zu. Wetterumschwung zeichnete sich ab. In den Bergen eine nie zu unterschätzende Gefahr. „Jetzt hieß es schnell Handeln“, betont Hölzler. Die beiden entschieden sich dann für einen „Schnelldurchgang“: Abstieg über den Ostgipfel hinunter zum Fuß des dritten Pfeilers. „Im Vertrauen auf die eigene Erfahrung und Leistungsfähigkeit gingen wir nur mit der notwendigsten Ausrüstung in den Ostpfeiler“. Sie wussten, dass  in den Kletterpassagen der 600 Meter langen Route mit Stellen im oberen 4. Schwierigkeitsgrad mit Steigeisen noch einmal höchste Konzentration verlangt war. Bei einer kurzen Verschnaufpause zeigte sich die Müdigkeit, die beiden in den Knochen steckt: Sie nicken kurz ein. „Geweckt wurden wir von einsetzendem Schneefall und kaltem Wind“, berichtet Hölzler weiter. Die Entscheidung in der Wand fällt nach kurzer Beratung. Es geht weiter. Um 16.30 Uhr erreichen sie den dritten Pfeilergipfel. Für Jubel und Glücksgefühle bleibt keine Zeit. Die Zeit läuft. Auf der Nordseite der Bernina zuckten schon erste Blitz in den Wolken; der Schneefall wurde heftiger. „Wir starteten zu einer wilden Abfahrt auf unseren Kurzskiern“, so Hölzler. Die zunehmende Müdigkeit und Erschöpfung ließ die beiden immer wieder stürzen auf dem Weg ins Tal. Bei strömendem Regen erreichen sie um 18.30 Uhr die Diavollezza-Hütte.

Endspurt
„Natürlich waren wir erst einmal froh, doch unser erklärtes Ziel hieß  ja
Bahnhof St. Moritz“, beschreibt  Hölzler den Endspurt bei der 24-Stunden-Jagd am Piz Palü. Nach einer Viertelstunde geht es weiter hinab zum Berninapass. Rauf auf die Fahrräder und Schussfahrt im Gewitter nach St. Moritz…
Um 19.40 Uhr drücken Walter Hölzler und sein Touren-Partner Toni Steurer auf die Stoppuhr: 23:40 Stunden. Geschafft.

Ein Sommernachtstraum
„Das war ein einzigartiges Unternehmen“, freut sich Hölzler über seinen Sommernachtstraum am Piz Palü. „Jeder Pfeiler für sich gehört zu den großen und schwierigen Eis- und Felsklettertouren in den Alpen“. Steurer und Hölzler bewältigten in knapp 24 Stunden 7850 Höhenmeter auf einer Strecke von rund 60 Kilometer. Auf umweltfreundliche Art, wie der „richtige“ Bernina-Express.

Josef Gutsmiedl im Sommer 2003

 

Unsere Zeiten im Verlauf des „Berninaexpress“.