Die Eiger Nordwand im Schnelldurchgang

Bericht vom April 2011

Schwere Felskletterroute
Schon ein zweimal war ich im rechten Teil der Eiger Nordwand unterwegs, um eine schwerere Felskletteroute am „Genfer Pfeiler“ zu wiederholen. Doch für die klassische „Heckmair-Route“ hat es bisher nie gepasst.
Im Sommer wollte ich nicht einsteigen, da mir die Steinschlaggefahr zu groß erschien. Im Winter hatte ich nie Zeit, da ich bis dahin beruflich in Skiausbildungslehrgängen voll eingeplant war.

Im Februar hervorragende Bedingungen
Auch dieses Jahr las im bereits im Februar von hervorragenden Bedingungen im Internet. Diesmal hätte ich auch Zeit gehabt, doch leider lies sich so schnell kein geeigneter Partner auftreiben. Also hoffte ich auf die nächste Schönwetter Periode im Frühjahr.

Vor einigen Tagen war es dann so weit. Die Bedingungen hörten sich zwar nicht so optimal wie im Februar an, jedoch akzeptabel. Es war nicht zu kalt und nicht zu warm. Dafür hatte es weniger Eis wie im Winter, was den Umgang mit Eisgeräten etwas erschweren sollte. Der zuletzt gefallene Neuschnee im Mittelteil der Wand müsste bereits von vorhergegangenen Seilschaften ausgeräumt sein, so unsere Hoffnung.

Von der Kleinen Scheidegg in einem Tag durch die Wand
Mit meinem neuen Kletterpartner Silvio aus Interlaken planten wir vom Bahnhofs-Restaurant „Kleine Scheidegg“ in einem Tag durch die Wand und wieder dorthin zurück zu steigen. Ganz einfach deshalb, weil man in meinem Alter irgendwann mal keine Lust mehr auf unnötige und kalte Biwaknächte hat…

Das Wetter sah vielversprechend aus.

Stau wie am „Hillary Step“
So starteten wir nachts um 2:30 Uhr vom Bahnhof. Leider unterschätzten wir den steilen Zustieg in teilweise tiefem Pulverschnee bis zu Wandfuß und verloren wertvolle Zeit und Kraft. Weit über uns leuchteten schon viele Stirnlampen Lichter aus dem Bereich des Stollenloches. Wir konnten es gar nicht glauben, was an diesem Tag los sein sollte…
Am schwierigen Riss staute sich dann der gesamte „Tross“ zu ersten Mal. Wie am „Hillary Step“, der Schlüsselstelle des Mt. Everest, waren Kletterer aufgereiht, um endlich hoch steigen zu können. Einige der Aspiranten schienen jetzt schon hoffnungslos überfordert, ließen aber niemanden vorbei…
Erst bei der Eistraverse zum „Hinterstoißer Quergang“ konnten wir wieder einen Gang schneller schalten und zum Überholvorgang ansetzen. Dieses Szenario spielte sich noch einige Male ab. Ich konnte es einfach nicht glauben, wer hier alles hinauf wollte…

„Verhauer“
Schnell erreichten wir die Rampe im oberen Wandteil und hofften nun, dass es flott weiter ging. Doch dem war nicht ganz so. Die Kletterei mit Steigeisen wurde anspruchsvoller und zog sich unheimlich in die Länge, zumal es ohne „Verhauer“ fast nicht geht. Ab und zu steigt man vereinzelten Haken hinterher und merkt erst zu spät, dass es eine „Sackgasse“ ist. Von dort wieder auf den richtigen Weg zu kommen ist oft schwierig und manchmal halsbrecherisch.

Nachmittags am Gipfel
Am späten Nachmittag erreichten wir in herrlicher Sonne, unseres Wissens als Zweite von mindestens 12 Seilschaften des Tages, den lang ersehnten Gipfelgrat und genossen ganz allein das erhabene Gefühl kurzzeitig „wirklich oben“ zu sein.

Der Abstieg über die Westflanke war hervorragend eingespurt und machte außer dem tiefen Sulzschnee keine weiteren Probleme.

Anmerkung zum Start von der Kleinen Scheidegg
Dass man von der Kleinen Scheidegg 300 Höhenmeter und ca. 2 Kilometer im teils tiefen Sulzschnee dazurechnen muss, habe ich etwas unterschätzt. Doch dafür konnten wir uns eine Biwak Nacht im Bereich des Einstieges ersparen…

Anmerkung zum Alleingänger der uns überholte
Im oberen Wandteil glaubte ich nicht richtig zu sehen, als ein Alleingänger mit kleinem Rucksack und nur einem Eisgerät an mir vorbei schlich. Sein Kletterstil wirkte trotz Steigeisen auf glatten Felsplatten im sechsten Schwierigkeitsgrad sicher und überlegt.
Zu Hause erfuhr ich von Silvio, dass es sich um den Profikletterer Dani Arnold handelte, der bei dieser Begehung den „Eiger Nordwand Speed-Rekord“ von Uli Steck (2.Std 47 Min) auf 2 Std. 28 Min unterbot.