Trettachspitze – die vergessene Wand

Die 2595m hohe Trettachspitze gehört zweifelsohne zu den berühmtesten Bergen der Allgäuer Alpen. Von Osten gesehen bricht das schmale Felshorn mit einer mehr als 350 Meter hohen, fast durchgehend senkrechten Steilwand in das Trettachtal ab. Die Form dieser Seite verlieh dem Berg den Nimbus des „Allgäuer Matterhorns“. Gerade aus diesem Grund ist es ein „Muss“ für jeden Allgäuer Bergsteiger, den herrlichen Gipfel einmal erklettert zu haben.

Ersteigungsgeschichte

„Wenn eine Spitze unbesteigbar ist, so muss es diese sein!“ – schreibt der bekannte Bergpionier Hermann von Barth in seinem 1869 erschienen Buch „Allgäuer Wegweiser“. Damit meinte er den berühmtesten und kühnsten Felsenzahn der Allgäuer Alpen, die Trettachspitze, die schon von 30 Kilometer Entfernung durch das Illertal sichtbar ist.

So vollzog sich nach der Überlieferung im August 1855 die erste Begehung der Trettachspitze auf dem schwierigsten Normalweg des Allgäuer Hauptkamms (*):

„Es geschah an einem Sommertag in 1855: Bei der täglichen Arbeit als Hirten auf dem Oberen Einödsberg entdeckten Urban und Alois Jochum mehrere Gämsen auf dem Nordostgrat der Trettachspitze. Der „Unnahbare Spitz“, wie er im Tal genannt wurde, muss also ersteigbar sein, denn wo sich Gämsen bewegen findet auch der Mensch einen Halt. Es ist schließlich Urban, der sich auf den Weg macht und westlich unter dem Spätengundkopf hindurch, über das steinige Nordkar und über das Firnfeld hinauf an den Fuß der Nordwand steigt. Er überwindet den plattigen Fels Stück für Stück, weiter über steiles Geröll und einen Schneefleck, bis er schließlich auf dem schmalen Nordostgrat steht und in die furchteinflößenden Abgründe der „Wilden Gräben“ hinunterschaut. Die Position der Gämsen im Gedächtnis, steigt er immer weiter die ausgesetzte Himmelsleiter empor, bis unter den Überhang, mit dem der Gipfel auf den Nordostgrat absetzt. Er entdeckt hier ein schmales Felsband, das zunächst in die Nordwand hineinführt und drüben gegen den Nordwestgrat ansteigend herauszuführen scheint. Doch allein ist ihm dieser schwindelnde Weg über der düsteren Nordwand zu gefährlich und er beschließt, mit seinen Brüdern als Verstärkung zurückzukehren. Er ist nun im Besitz des Gipfelgeheimnisses und er weiß die Tür zur Spitze zu öffnen. Vorsichtig klettert er den Grat wieder hinunter.

Bereits am nächsten Tag kehren die zwei Brüder hinein in das Trettach Nordkar und machen sich an die Besteigung der „Spitz“ auf dem zuvor von Urban ausgespähten Weg. Im letzten Abschnitt steigt das Band an, wird breiter und verläuft in steilen Rinnen bis zum Gipfel. Die zwei hatten dem damals 26jährigen Baptist Schraudolph den „Spitz“ weggeschnappt. Dieser revanchiert sich, indem er ein Gipfelkreuz zimmert und dieses zunächst 1.200 Höhenmeter zum Felseinstieg der Trettach schleppt und im Anschluss in einer weiteren Energieleistung, weithin sichtbar für die Einödsbacher und Birgsauer, auf dem Gipfel bugsiert. Im Herbst 1855 führt er seine Frau Viktoria, geb. Jochum, die Schwester der Erstersteiger, auf der Hochzeitsreise auf die Trettachspitze.

(*) Buchauszug:  „Aus den Nördlichen Kalkalpen“ von Hermann von Barth (1874) bzw. teilweise abgeändert nach dem Werk „Gesammelte Schriften“ von Bünsch/Rohrer (1926) im Rahmen einer gemeinfreien Nutzung nach dem Urheberrecht.

In den Jahrzehnten darauf wurden mehrere Kletterlinien an allen Seiten des Berges eröffnet. Dennoch beschränkt sich der Ansturm der Gipfelaspiranten meist auf die verhältnismäßig leichten  Routen über den „Nordwestgrat“ (III-) sowie über den „Nordostgrat“ (III). Der lange Zustieg in Verbindung mit dem oft unzuverlässigen Gestein dürften Gründe dafür sein.

Ostwand „Lobenhoffer Route“

Die unzugänglichste und zugleich höchste Steilwand der Trettachspitze stellt die Ostwand dar. Auch sie wurde im Eroberungsalpinismus der 1930er Jahre zum herausfordernden Projekt für wagemutige Kletterer aus ganz Deutschland. Selbst Ander Heckmair, der spätere Erstbegeher der Eiger Nordwand wurde hier aktiv. Mehrere Versuche waren dennoch nötig bis der in Würzburg geborene Hans Lobenhoffer mit seinem Seilpartner Xaver Dusch im Jahre 1934 eine Durchstiegsmöglichkeit im zentralen und zugleich steilsten Wandteil fand. Beide konnten sich zuvor eingehend mit der Route und den Bedingungen der Trettachspitze beschäftigen, weil sie als Skilehrer und Bergführer auf der Ordensburg in Sonthofen eingesetzt waren. Zur Absicherung der 15 Seillängen, verteilt auf 400 Meter Kletterstrecke,  hatten die kühnen Alpinisten nur 16 Haken zur Verfügung. Dies in mehrfach brüchigem Gelände mit Passagen des damals höchsten Schwierigkeitsgrades. Ein wahrhaft waghalsiges Unternehmen, wenn man sich vorstellt, dass die Chance eines Notrufs in diesem abgeschiedenen Winkel gegen null tendierte. Nicht umsonst galt die „Lobenhoffer Route“ lange Zeit zu den ernstesten und längsten Kletter Unternehmungen der Allgäuer Alpen. Sie war nicht nur schwierig, sondern auf Grund des brüchigen Gesteins und der schlechten Absicherung absolut gefährlich. Die Folgen daraus sind Berichte über teils schwere Unfälle. Ein unübersehbares Mahnmal stellt die Gedenktafel eines tödlich abgestürzten Kletterers am Einstieg dar.

Ostwand „Orientexpress“

Mit Klaus Noichl (Oberstdorf) und Martin Hehle (Kempten) machte ich mich im Sommer 2014 mehrfach auf den beschwerlichen Weg, um in dieser bisher so unbekannten Wand eine sichere  Kletterlinie im Bereich der alten „Lobenhoffer Route“ zu legen. Zumindest im steilen Wandteil versuchten wir einigermaßen der original Linie treu zu bleiben, um an die mutige Meisterleistung aus den 1930er Jahren zu erinnern. In den brüchigen Passagen verlegten wir jedoch die Route in kompakte Felsplatten, um mehr Genuss und weniger Gefahr zu gewährleisten. Mit modernen Bohrhaken ist das heutzutage leichter möglich als früher. Wir wollten den Nimbus von Abenteuer aufrecht erhalten, aber nicht mehr die Abschreckung des extrem Gefährlichen verbreiten.  Kein Berg ist es wert, um sich durch Griff- oder Hakenausbruch tödlich zu verletzen, so meine Meinung. Teils von unten, teils von oben erkundeten wir die große Wandflucht, um eine direkte, vor allem aber vor Steinschlag geschützte Kletterroute zu kreieren. Das war sehr aufwändig, da der Zustieg lang und beschwerlich ist. Mehrfach mussten wir stundenlang aufsteigen, um sehr große und labile Gesteinsbrocken aus der Routenlinie zu entfernen. Zur Absicherung setzen wir an schwierigen Stellen und Standplätzen Edelstahl-Bohrhaken ein. Denn nur solch moderne Sicherungsmittel können bei Sturz in unzuverlässigem Gestein lebensgefährliche Verletzungen verhindern. Dennoch sind die Abstände der Fixpunkte oft sehr weit, so dass sich der Kletterweg auf keinen Fall mit einer Sportkletterroute vergleichen lässt. Nur Alpinisten mit einen Spürsinn für die Gesteinsqualität  in Verbindung mit einem soliden Kletterniveau um den VII. Schwierigkeitsgrad, sollten hier einsteigen.

Nach der Fertigstellung und Erstbegehung dieser anspruchsvollen und modernen Freiklettertour gaben wir ihr den Namen „Orientexpress“. Denn ähnlich wie die  legendäre Zugstrecke von Paris bis ins damals sagenumwobene Konstantinopel führt unsere Kletterreise auf abenteuerlichen Pfaden zur höchsten Steilwand des berühmtesten Felsgipfels der Allgäuer Alpen.

Die Fakten:

Kletterlänge: 440 Meter – 12 SL

Schwierigkeitsgrad: 6+ A1 bzw. 8-

Weitere Infos zur Route gibt es HIER:

 

ACHTUNG!

Auch die Besteigung der Trettachspitze auf dem Normalweg (Nordwestgrat) ist nur erfahrenen Bergsteigern zu empfehlen. Absolute Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, Gebietskenntnis, sowie Kletterkönnen mit der dazu gehörenden  Ausrüstung ist Voraussetzung! Wanderern ist dieser Gipfel dringlichst abzuraten.