Die hohen Wände im Herzen der Tannheimer Berge

Die Tannheimer Südwände
Wer kennt sie nicht, die sonnigen Südwände über dem schönen Tannheimer Tal. Schon über Jahrzehnte hinweg gibt es so gut wie keinen Schönwettertag im Sommer, an dem dort oben nicht wenigstens 5 bis 10 Seilschaften bei ihrer Lieblingsbeschäftigung zu beobachten sind. Der kurze Zustieg, die hervorragend ausgerüsteten Routen in den sonnseitigen Felswänden und die zwei gut geführten Hütten bieten alles, was sich der moderne Plaisirkletterer ersehnt.

Die Tannheimer Nordwände
Ganz anders sieht es auf der gegenüber liegenden Seite aus. Düster und steil fallen die Nordwände ins Reintal ab. Schon der Blick vom Gipfel der Roten Flüh in die dunkle Gimpel Nordwand lässt dem Wanderer und Freizeitkletterer gleichermaßen ein Schaudern über den Rücken laufen. Brüchig, steil und unheimlich groß sieht sie aus, die Gimpel Nordwand. Gerne würde sich der ein oder andere einmal die imposanten Wandfluchten näher ansehen. Doch seit der ehemals gesicherte Übergang von Süd nach Nord über die Judenscharte wegen Steinschlag offiziell nicht mehr begehbar ist, nimmt man lieber den bequemen und sicheren Wanderweg zum Gimpelhaus zurück, trinkt eine Radler Maß und lässt den Klettertag auf der Sonnenterasse ausklingen.

Tannheimer Klettergeschichte
Natürlich gibt es auch Kletterrouten in den bis zu 600 Meter hohen Nordwänden. Doch sie sind berüchtigt und sagenumwoben. Nur die wenigsten wissen, dass dort schon sehr früh berühmte Kletterer einen wichtigen Teil der Allgäuer- bzw. Tiroler Klettergeschichte geschrieben haben.
Die erste alpinistische Spitzenleistung, in dieser für die Gegend ungeheuer großen Gimpel Nordwand, gelingt Heinrich Haff am 27.05.1904 mit der Erstdurchsteigung im Alleingang. Die Schlüsselstelle, der im Führer mit 900 Klettermetern angegebenen Route im V. Schwierigkeitsgrad wird heutzutage gemieden und über den leichteren Blenkkamin umgangen.
Nach einer fast 10-jährigen Kletterpause in der Zeit des ersten Weltkrieges interessieren sich erstmals wieder die damaligen Spitzenalpinisten Leixl, Kadner, v. Overkamp, v. Schwerin und v. Siemens für die Tannheimer Felswände. So erreichten sie 1920 bei einer Erstbegehung auf der Südseite den glatten, möglicherweise sogar den oberen VI. Schwierigkeitsgrad. Parallel zur Schwerin-Gruppe beginnt sich im nordseitigen Reintal eine Szene aus hauptsächlich Füssener Kletterern zu formieren, die sich in diesem Gebiet über drei Jahrzehnte als richtungweisend herauskristallisieren sollte. So wurde wahrscheinlich fälschlicherweise in der Bergsteiger Literatur die Erstbegehung der Civetta Nordwand 1925 durch die Münchner Solleder und Lettenbauer als erste Sechser-Route in einer richtig großen Nordwand angegeben. Dabei sind sich Wiederholer sicher, dass schon 1919 bei der Erstbegehung der „Neuen Nordwand“ am Gimpel der VI. Grad im Tannheimer Tal erreicht wurde. In über 20 Seillängen hinterließen sie nur einen einzigen Felshaken.
In den Jahren 1923 bis 1925 sind Willi Merkl und Toni Leiss in den Nordwänden aktiv. Sie gehören wiederum zu den besten deutschen Alpinisten ihrer Zeit. 1934 kommt Willi Merkl bei einer auf Grund ihrer Tragik unvergessenen Nanga-Parbat-Expedition ums Leben. Die Willi Merkl Gedächtnis Hütte im Reintal, am Fuße der Tannheimer Nordwände, steht als Symbol der Deutschen Eroberungsgeschichte im Himalaya.
Hermann Schertel aus Füssen war nicht nur Deutscher Meister im Skilanglauf, sondern wurde auch in den 30er Jahren von Insidern als „Kletterstar“ gehandelt. Die „Schertelplatte“ im Sechsten Schwierigkeitsgrad war sicherlich seine Meisterleistung in den Tannheimer Bergen. Sie erlebte nach der Sanierung eine Renaissance und gehört nun zweifelsohne zur beliebtesten Kletterroute in den Tannheimer Nordwänden.
1959 gelang Reiner Loderer und Georg Ostler die Erstbegehung der „Direkten Nordwand“ am Gimpel. Mehrmals wurde der obere Sechste Grad angegeben und mit den damals bedeutendsten Kletterrouten in den Dolomiten verglichen. Bei einer späteren Begehung stürzte ein Kletterer an einer schweren Stelle ab. Durch den Aufprall auf einem Band wurde sein Körper zwar gebremst, erlitt aber dennoch starke Verletzungen. Nach weiterem Absturz von rund 15 Metern in gestuftem Gelände konnte der Kletterpartner den Sturz endlich abfangen – und dies nur durch Schultersicherung. Eine Nacht mussten beide Alpinisten mit schweren Verletzungen auf einem dünnen Felsband ausharren, bis die Retter am nächsten Tag erstmals den Versuch starteten, die Bergung mit einem 500 Meter langen Stahlseil durchzuführen. Während dieser mehrstündigen Aktion beobachteten sie einen einschlagenden Blitz in einem Bauernhaus und mussten darum bangen, dass sie die herannahende Gewitterfront nicht einholt und so der Rettungsversuch in einer Tragödie enden könnte. Letztendlich hatten sie aber Glück im Unglück und schafften es erfolgreich bis ins Tal.

Der Respekt vor den Nordwänden blieb
Diese und ähnlich schaudernde Geschichten waren sicherlich ein Grund dafür, dass sich nur sehr erfahrene Alpinkletterer in die Gimpel Nordwand trauten. Denn Informationen gab es weiterhin wenig und dementsprechend groß blieb der Respekt.
Erst als der Ostallgäuer Bergführer Toni Freudig mit seinem Verein „Sicheres Klettern in den Tannheimern“ in den Neunziger Jahren die Region wieder ins Gespräch brachte, rückten auch die fast vergessenen Nordwände etwas aus ihrem Schattendasein heraus.

Dennoch werden die großen Kletterberge im Reintal auf Grund ihrer Ernsthaftigkeit niemals den Kletter-Boom der Südseite erleben. Und das ist auch gut so.