Gletscherspaltensturz – der “versteckte Alptraum”

Mitte März 2015 war ich wie schon so oft in den vergangenen Jahren beim Alpin-Bergsteigen in den französischen Alpen. Ein Gebiet, das ich nun wirklich sehr gut kenne. Es gibt nur wenige große Wände rund um den Montblanc die ich nicht durchstiegen habe. Meist bin ich im Spätherbst oder Winter unterwegs, um dem häufig auftretenden Steinschlag zu entgehen. Trotz vieler Kletterjahre auf hohem Niveau, suche immer noch in gewissem Maße die Herausforderung. Ich fühle mich fit und trainiere regelmäßig, um die ein oder andere anspruchsvolle Ausdauerroute an hohen Bergen, den Verhältnissen entsprechend, angehen zu können. Dennoch unterscheide ich ganz genau zwischen gefährlichen und weniger gefährlichen Klettereien. Als Familienvater will ich meiner Verantwortung gerecht werden, ohne auf die eigene Lebensphilosophie, das Bergsteigen, verzichten zu müssen.

Seit 30 Jahren bin ich ununterbrochen in den Bergen der Welt unterwegs. Ob in den Alpen, im Himalaja, in Afrika, in Amerika, Neuseeland oder anderswo, gab es immer mal die ein oder andere „brenzlige Situation“ zu überstehen. Im Nachhinein kann man aus jeder Geschichte lernen und Erfahrung sammeln. Doch das alleine reicht nicht aus. Es gibt immer wieder Situationen, die unvorhergesehen und plötzlich auftreten. Entscheidungen die innerhalb weniger Minuten gefällt werden müssen. Ob richtig oder falsch, ist manchmal schwer vorherzusehen. Gleichzeitig auftretende objektive und subjektive Faktoren machen es umso komplexer.

Dass in solchen Stressmomenten auch Fehlentscheidungen, Fehlinterpretationen und Schnellschuss Handlungen auftreten können, weiß jeder. Doch man glaubt, dass einem selbst so etwas nicht passiert. Schließlich ist man bergerfahren und kann bei Unschlüssigkeit mit seinem Kletterpartner kommunizieren (Partnercheck). Das Risiko wird kalkulierbar, meint man…

Ich möchte mit meiner schier unvorstellbaren Geschichte alle Bergsteiger, Skitourengeher und Freerider die sich auf Gletschern bewegen, sensibilisieren.

Lernt aus diesen Fehlern! Ich selbst mache das schon mehrere Wochen.                                                  Nacht für Nacht quälen mich Schmerzen. Und während dieser schlaflosen Zeit suche ich nach Antworten. Wie und warum konnte das passieren? Warum hatte ich gerade noch soviel Material dabei, dass ich mich selbst retten konnte…?

Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren

 

 

Man weiß selten was Glück ist, aber man weiß meistens was Glück war

 

 

Hochauflösendes Bild vom Gebiet

In einem hervorragend aufzulösenden Bild vom oberen Valle Blanche, erkennt man genau meinen Unfallbereich. Zommt man das Bild stark ein, sieht man sehr gut ausgetretene Trampelpfade auf denen Skitourengänger und ein Schneeschuhgeher ohne Seil unterwegs sind, obwohl im Herbst der Gletscher stark ausgeapert ist. Das soll keine Ausrede für meine Fehleinschätzung sein. Doch weil ich einen Tag vor meinem Unfall wie viele andere Bergsteiger auf der harten Spur mit Tourenski lief, war ich mit sicher, dass alles gefroren und die Spalten dick zugeschneit sind. Schließlich war es Mitte März auf 3500 Meter Meereshöhe.

BILD vom Valle Blanche bzw. Mer de Glass  

 

Gesundheitszustand im April 2015

Ein Monat nach dem Unfall sind nun alle wichtigen Untersuchungen abgeschlossen. Neben einer großen Narbe über dem rechten Auge (20 Stiche) müssten die Verletzungen an der Schulter, den Rippen, der Hand und Muskeln in den nächsten Wochen soweit abheilen, dass keine körperlichen Folgeschäden zurück bleiben. So die Aussage der Ärzte…

Psychisch habe ich noch etwas länger daran zu „knabbern“. Doch das kriege ich auch wieder hin. Zumindest tue ich alles dafür…

 

Anmerkung April 2015

Eine Woche später ereignete sich ein ähnlicher, aber zum Glück weniger dramatischer Spaltensturz im Ötztal.

Kempten (dpa) – Ein Allgäuer ist in den Ötztaler Alpen in Österreich 25 Meter tief in eine Gletscherspalte gestürzt und schwer verletzt worden. Wie die Polizei in Tirol mitteilte, war der 30-Jährige am Vortag mit einem Freund vom Taschachferner in Richtung Wildspitze unterwegs. In 3385 Metern Höhe brach der Mann bei der Abfahrt mit seinem Splitboard – einem in der Länge teilbaren Snowboard – plötzlich ein, stürzte in die Gletscherspalte und blieb 25 Meter tiefer liegen. Die Bergrettung befreite den Verunglückten. Er wurde nach Innsbruck in die Klinik geflogen.

Wie so etwas gehen kann, sieht man bei dem Spaltensturz bei einer Skitour im Wallis