„Der fallende Tropfen“ – Bericht über eine Erstbegehung am Mt. Kenia

Die Idee einer Erstbegehung in Afrika
Wenn Walter Hölzler einen Band über die Berge der Welt aus dem Bücherregal nimmt und zu blättern anfängt, „ist was im Busch“. Nicht das erste Mal also, dass der Bergsteiger und Kletterer sich auf diese Weise „ins Abenteuer“ schickt. Diesmal war es der Mount Kenia in Afrika, der Hölzler reizte, als er an den Fotos hängen blieb. Im Juli startete er mit vier weiteren Alpinisten zu einer Expedition, die ihn zur „African Skyline“ bringen sollte – und zu neuen bergsteigerischen Erfahrungen.

Hauptproblem in Äquatornähe ist ein ganz eigenes Wettergeschehen
Der „besondere Reiz“ an diesem riesigen Rest eines einstigen Vulkankegels liegt nicht allein in seinen technischen Schwierigkeiten. Hauptproblem ist die Äquatornähe und die drei Vegetationszonen, die für ein ganz eigenes Wettergeschehen sorgen. Fast täglich, so beschreibt Walter Hölzler das Phänomen, steigt vormittags die erwärmte feuchte Luft aus dem tropischen Regenwald auf und bildet eine Art „Waschküche“, in der es in großer Höhe stürmt und schneit. „Für das Klettern bleiben da nur wenige Stunden Zeit; so zwischen 8 Uhr und mittags“, berichtet Hölzler. Früh am Morgen sind die Felswände vereist und nachmittags zieht Nebel auf und der nächste Schneesturm. „Die großen Temperaturschwankungen von bis zu 15 Grad plus am Tag und 15 Grad minus nachts setzten uns schon zu“, sagt Hölzler.

Der Weg des fallenden Tropfens
Auch die Route, die sich der Allgäuer zuhause zu recht gelegt hatte, war „was Eigenes“: Fast mit dem Lineal hatte der Bergsteiger und Klettertrainer die Route durch die „African Skyline“ des Mount Kenia vorgegeben. Hölzler nennt die Idee „Den Weg des fallenden Tropfens“.

Entweder stahlhart oder porös
„Also nicht vorrangig an den Gegebenheiten der Felswand orientiert, sondern möglichst senkrecht zum Gipfel“, sagt Hölzler. Knappe 500 Meter durch die Ostwand, die steilste Wand des Mount Kenia – alles im oberen 5. bis unteren 8. Schwierigkeitsgrad. Durch Gestein, mit dem die Gruppe der DAV-Expedition keine Erfahrung hatte. „Entweder stahlhart oder porös“.

Bei diesen Bedingungen hieß es für die fünfköpfige Mannschaft früh aufstehen, um bis zur Mittagszeit klettern zu können. „Jeden Tag kamen wir Dank unserer Vorarbeit ein Stück weiter. Aber das ewige Auf und Ab kostete Zeit, Kraft und Nerven“, erinnert sich Hölzler.

Der fünfte Anlauf
Beim fünften Anlauf entschlossen sich Walter und zwei Kameraden – darunter Lena Fakler aus Tettnang – „durchzumarschieren“ und auf den Gipfel zu gelangen. Die beiden anderen Team-Mitglieder mussten sich geschlagen geben und unterstützten die Gipfelstürmer vom Basislager aus.

Ein heftiger Wetterumschwung
Sieben bis acht Stunden harte Kletterarbeit bis zum Gipfel in 5200 Metern Höhe. Zwar setzte auch diesmal der heftige Wetterumschwung ein, doch erwies sich der obere Kletterabschnitt der Route als leichter zu klettern als erwartet. Aus dem Blick in die endlosen Weiten Afrikas wurde es dennoch nichts. „Der Gipfel war mitten im Nebel und im Schneetreiben. Auch der Abstieg entpuppte sich als nicht minder anspruchsvoll – auf derselben Route wie der Aufstieg durch die senkrechte Wand und wieder im Schneesturm. Spät abends erreichten die Drei bei strömendem Regen das Basislager in 4300 Metern Höhe. „An diesem Tag waren wir 12 Stunden unterwegs“, beschreibt Hölzler den Gipfeltag.

Way to Skyline
„Und da wir noch etwas Zeit hatten, suchten wir uns eine weitere Herausforderung“, so Hölzler zu den Tagen nach dem ersten Erfolg der Expedition. An einem großen Felsturm vor dem eigentlichen Gipfel des Mount Kenia eröffnete die Mannschaft den „Way to Skyline“. Hier bot sich eine Kletterlänge von rund 250 Metern – im Schwierigkeitsgrad bis 8-. Hölzler: „Alles in allem erreichten wir bei beiden Routen eine Kletterlänge von über 700 Metern bis zum unteren 8. Schwierigkeitsgrad. Alle Haken und Klemmkeile wurden nur zur Sicherung eingesetzt“. Hölzler konnte beide Routen im so genannten Rotpunktstil klettern, das heißt, er benutzte keine künstlichen Hilfsmittel zur Fortbewegung.

Ein kleiner Meilenstein
„Beide Routen zusammen stellen eine der längsten Kletterrouten in Afrika – und am ganzen Äquator – in einer beachtlichen Höhe von 4500 und 5200 Metern dar“, so Walter Hölzler zu dem „kleinen Meilenstein“ an einem der bekannten Weltberge. „Die African Skyline ist eine der schönsten Routen, die ich je geklettert bin, da die Linie logisch, direkt, schön und zugleich schwierig ist“.

Und Hölzler schwärmt weiter: „Schon der Ausblick aus der Wand in die afrikanische Savanne ist unvergleichbar und einzigartig. Rund um den Mount Kenia gibt es keinen anderen Berg, der einem die Sicht versperren könnte. Nichts als Himmel und weites Land…“.
Von Josef Gutsmiedl – Sonthofen im Allgäu 2007

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