Berühmte Kletterroute im Allgäu – Rädlergrat

Himmelhorn – Rädlergrat

Hoch oben im hinteren Oytal bei Oberstdorf fällt dem Gipfelbetrachter sofort die messerscharfe Schneide des Himmelhorns ins Auge. Bereits 1910 entdeckte der 34-jährige Hans Rädler aus Bad Oberdorf bei Hindelang diese Linie für sich. Als begeisterter Alpinist kam ihm eine Erstbegehung der nahezu senkrechten Graskante in den Sinn. Ein Unterfangen, an das sich zu dieser Zeit noch keiner wagen wollte. Denn weder Schuh- noch Klettermaterial versprachen die notwendige Sicherheit, um die zu erwartenden klettertechnischen Schwierigkeiten meistern zu können. Warum sich der studierte Bergsteiger dennoch auf ein solch haarsträubendes Abenteuer einließ, bleibt reine Spekulation. Alpinismus war kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges eine Herausforderung für die „wilden Hunde“, auch mit dem Risiko dabei ums Leben zu kommen. Der Gesundheits- und  Sicherheitsgedanke wurde vor mehr als 100 Jahren anders definiert als heute.

Das gefährlichste Projekt seines Lebens

Am 17. Oktober zog der in Langenwang praktizierende Lehrer ganz alleine los, um das gefährlichste Projekt seines Lebens zu starten. Anfangs bot trockenes Gras in der 70 Grad steilen Zustiegsflanke noch ordentlichen Halt. Doch dann, an der eigentlichen Gratkante angekommen, mischte sich unzuverlässiges Gestein darunter. Eine gefährliche Mixtur aus Gras und Fels, die in solch abschüssigem Gelände einen Rückzug immer gefährlicher erscheinen ließ.

Der „Point of no return“ war längst überschritten, als Rädler vor einer senkrechten Gipfelwand stand. Hier ging es im Alleingang auf keinen Fall weiter. Langsam aber sicher schnappte die Falle zu. Nach mehreren Fehlversuchen im senkrechten Fels entdeckte er eine letzte Möglichkeit, um aus dieser schier ausweglosen Situation heraus zu kommen. Mit einem gewagten Aufwärtsquergang durch die 450 Meter hohe Westwand versuchte er den Steilaufschwung links zu umgehen. Von Grasbüschel zu Grasbüschel zitterte er sich mit höchster Konzentration Zentimeter für Zentimeter nach oben. Die Schwierigkeiten würden heute mit 5+ im brüchigen Fels und ohne Sicherung angegeben. Doch wie von Gotteshand geführt, schaffte er fast Unmögliches und erreichte spät nachmittags total erschöpft den Gipfel. Es war sicherlich nicht nur seinem Können zu verdanken, sondern auch einem Schutzengel der ihn begleitete. Vielleicht gerade deswegen verschwieg er vier Jahre lang diesen Ritt auf Messers Schneide. Erst durch Schilderungen vom mit eingeweihten Freund Stiefenhofer aus Oberstdorf erfuhr die Öffentlichkeit davon. Doch ohne wirklichen Beweis wirkten sie unglaubhaft.

Tödliche Abstürze

Schnell machte die Hiobsbotschaft große Runde in der damals überschaubaren Kletterszene. Bald schon tauchten die ersten Alpinisten im Oytal auf, um den besagten Spuren Rädlers zu folgen. Und wahrlich, ein rostiger Felshaken wurde fünf Jahre später im steilsten Teil der Westwand entdeckt. Genauso wie vom Erstbegeher beschrieben. Somit waren die Spekulationen der Kritiker endlich ausgeräumt. Der „Rädlergrat“ wurde von nun an als anspruchsvollste und schwierigste Klettertour in den Allgäuer Alpen gehandelt. Doch leider gingen weitere Besteigungen nicht immer gut aus. In den Folgejahren waren mehrere tödliche Abstürze am Himmelhorn zu verzeichnen. Erst als eine besser absicherbare Direktvariante durch ordentlichen Fels gefunden wurde, entschärfte sich das Gefahrenpotential ein wenig. Doch nicht völlig. Ein mahnendes Kreuz zu Ehren drei abgestürzter Brüder aus Oberstdorf erinnern an tragische Momente der Sturm und Drangzeit.

Allgäu Klassiker

107 Jahre nach der Erstbegehung ist der „Rädlergrat“ bekannter als je zuvor. Viele junge Alpinisten fühlen sich inspiriert von den alten Geschichten und stürzen sich in das Abenteuer am Allgäuer Grasberg. Natürlich mit viel besserer Kletterausrüstung, einer guten Wettervorhersage und aktuellen Begehungsberichten. Die Herausforderung am Himmelhorn ist heutzutage deutlich kalkulierbarer als damals.

Die Gefahren bleiben

Dennoch darf man die Tour nicht unterschätzen. Bei plötzlichem Wettersturz oder Kälteeinbruch ist ein Rückzug aus dem oberen Gratbereich immer noch extrem gefährlich. Die wenigen rostigen Haken in der Route garantieren keinen hundertprozentigen Halt, weswegen ein unvorhergesehener Sturz durch Griffausbruch  zu schwerwiegende Folgen führen kann. Denn bisher wurde nur die neue Edelstahl Kassette in dem sich das Wandbuch befindet, mit modernen und sicheren Bohrhaken befestigt.

 

Die Fakten:

Gebiet: Oytal – Allgäuer Alpen

Gipfelname: Himmelhorn, 2113m

Routenname: Rädlergrat

Exposition: Südwest

Erstbegeher: Hans Rädler am 17.10.1910 im Alleingang

Gesamte Kletterlänge: ca. 850 m

Schwierigkeit: bis zu 70° Grad im Steilgras und 6 im Fels

Absicherung: nur wenige Normalhaken vorhanden

Ernsthaftigkeit: hoch

Notruf Kontakt mit Handy: Auf Grund von Funklöchern nicht garantiert

Roman: Himmelhorn – Kluftingers neuer Fall

Himmelhorn Süwand: Route „Sky Ride“

 

 

Quelle:

Wikipedia

Wanderpfade.de

walter-hoelzler.de

 

Autor:

Walter Hölzler aus Thalkirchdorf ist staatl. gepr. Bergführer und leidenschaftlicher Alpinist. In seiner 30-jährigen Bergsteiger Laufbahn gelangen ihm unter anderem herausragende Erstbegehungen in Europa, Asien und Afrika. Den Rädlergrat kletterte er mit Klaus Noichl (Oberstdorf) im Dezember 2016.