Artesonraju – Schritte über dem Abgrund

Bericht aus dem Jahr 2010 über unsere seilfreie Alpinstilbegehung durch die 800 Meter lange Artesonraju Südwestwand in den Anden/Peru. Der Berg gehört zu den schönsten und bekanntesten Gipfel Südamerikas. Er dient als Vorlage für das Logo der Hollywood Produktionsfirma Paramount Pictures.

 

„Nichts geschieht, ohne dass ein Traum vorausgeht.“  Carl Sandburg

Regel Nummer eins beim Klettern: „Nicht stürzen!“  Lynn Hill (ehem. Kletterweltmeisterin)

 

Wieder 30 Schritte..

Verdammt lange 8 Meter, die mich von der nächsten Pause trennen. Eigentlich lächerlich kurz, doch hier in dieser Situation schier unerreichbar weit.

Jeweils 30 Schritte gab ich mir vor, um einen Rhythmus in der 800 Meter langen und bis zu 75 Grad steilen Eiswand einhalten zu können. Doch diesmal sind es nur 25. Völlig erschöpft presse ich meine beiden Chalet Moser-Eisgeräte in die mit weichem „Zuckerschnee“ gefüllte Steilflanke. Mit den Füßen versuche ich durch gezielte Schläge mit meinen Petzl-Chalet  „Sarken“- Steigeisen im darunter liegenden Eis Halt zu finden. Doch sie rutschen durch. Lockerer Schnee löst sich in kleinen Staublawinen und folgt der Schwerkraft ungebremst ins Tal. Mein Körper droht aus dem Gleichgewicht zu pendeln und dem Weg dieser Staublawinen zu folgen. Hastig erhöhe ich die Schlagzahl mit meinen Füßen, bis ich endlich Widerstand spüre. Wenige Zentimeter tief sitzen nun die vorderen Steigeisenzacken im  harten Gletschereis.  Ein kurzes Aufatmen. Langsam senke ich meinen Kopf auf die Eisgeräte, schließe die Augen und verfalle in einen „Sekundenschlaf“. Schockartig fährt es durch meinen Körper. Jetzt nur nicht die Konzentration aufgeben, sonst verliere ich das Gleichgewicht und kippe rücklings in die unter mir abfallende Steilwand, an dessen Ende eine tiefe Gletscherspalte mit einem weit aufgerissenen Maul auf mich warten würde. Ich spüre den kalten Schweiß, der mir bei diesen Gedanken den Rücken hinunter läuft. Durch meine Beine hindurch erblicke ich Niels, der ebenfalls zusammengekauert in der schier haltlosen Schneeflanke verharrt. Ich stelle mir vor wie es ihm ergeht und hoffe, dass er weiterhin die Fassung behält. Er ist zwar ausgebildeter Heeresbergführer, doch Erfahrung in solch anspruchsvollen Routen hat er noch nicht.

„Nicht auf das Erreichen des Gipfels kommt es an, sondern darauf, mit welchen Mitteln und Methoden man es schafft.“   Reinhold Messner (Extrembergsteiger)

Aufbruch nachts um 02.00 Uhr

Heute Nacht um 02.00 Uhr sind wir von unserem Zeltlager auf 4900 Meter aufgebrochen, nachdem wir dieses wenige Stunden zuvor erreichten. Mit 25 Kilogramm schweren Rucksäcken waren wir am späten Vormittag vom letzten Talort aus gestartet, um in möglichst kurzer Zeit und ohne weitere Hilfe den 6025 Meter hohen Artesonraju über die Südwestwand zu erklettern. Auf Grund der großen Entfernung und der klettertechnischen Schwierigkeit wird für die Besteigung des Berges normalerweise der Expeditionsstil angewandt. Die Lasten des Gepäcks übernehmen Träger und Mulis. Der ca. 20 Kilometer lange Anmarschweg wird in drei Tages-Etappen vollzogen. So können sich Gipfelaspiranten hervorragend akklimatisieren und Kraft sparen.

By fair means

Der moderne Stil des Höhenbergsteigens, den Reinhold Messner vor vielen Jahren kreierte, unterscheidet jedoch Extremkletterer von Gelegenheitsalpinisten. Wer „by fair means“  unterwegs sein möchte, darf bei einer Besteigung nur einen geringen materiellen Aufwand betreiben und muss auf jegliche fremde Hilfe von außen verzichten. Die Auseinandersetzung mit der Natur und dem Abenteuer steht im Vordergrund. Zu Hause ein toller Gedanke, in einem fremden Kontinent über 6000m eine absolute Herausforderung.

Einsturzbereite Eisblöcke

Im Fokus unserer kleinen Petzl „Myobelt“- Stirnlampen versuchten wir uns in finsterer Nacht auf dem mit tiefen Spalten gespickten Gletscher einen Weg zur Wand zu bahnen. Immer wieder schreckten wir vom Donnern herab fallender Eistürme (Seracs) auf und hofften, nicht in der „Schussbahn“ zu stehen. Auf Grund des Klimawandels ist der Permafrost in den Anden enorm zurückgegangen und hat riesige Gletscherabbrüche mit einsturzbereiten Eisblöcken hinterlassen.

Keine zuverlässigen Sicherungen

Wie in einem Labyrinth bewegten wir uns durch den tiefen Schnee und mussten oft vor unüberwindbaren Spalten umdrehen. Erst nach einer 3-stündigen Irrfahrt fanden wir einen Durchschlupf an den Fuß des Berges, welcher sich mächtig vor uns aufbäumte. Voller Elan ging es nun über einen 75 Grad steilen Eisaufschwung ins Zentrum der eigentlichen Wand. Als Niels hinter mir am Beal – „Ice Twin“ Doppelseil meinen Standplatz erreichte, musste ich ihm erklären, dass auf Grund der weichen Schneeauflage keine zuverlässigen Sicherungen (Eisschrauben) anzubringen sind. Im Falle eines Sturzes würde das bedeuten, dass ein Kletterer den anderen Seilschaftsgefährten mitreißt und somit beide ihrem Schicksal ausgeliefert wären. Um dieses Szenario zu vermeiden entschlossen wir uns, ohne Seilsicherung weiter zu steigen. Eine Methode, die beim Höhenbergsteigen üblich ist, aber auch bedeutet, dass jeder für sich selbst die Konsequenzen einer Fehlhandlung zu tragen hätte.

So standen wir nun in diesem schier nicht enden wollenden Eisschild und waren bereit aufzugeben. Doch all die Strapazen des Anmarsches wären dann umsonst gewesen, alle Hoffnungen und Träume zerplatzt…

Der Lohn aller Anstrengung

Also, noch einmal  30 Schritte ansetzen, um dann wieder dieselbe Prozedur durchstehen zu müssen wie wenige Meter zuvor. Doch 30 Schritte mehr bedeutete auch 30 Schritte dem Ziel näher zu kommen. Einem Ziel, dem man sich nur einmal im Leben verschreibt und deshalb wert ist, dafür zu kämpfen. Dabei ist es nicht nur der Berg an sich, sondern vielmehr der Berg in sich, den es zu überwinden gilt. Der Lohn aller Anstrengung ist die Bestätigung etwas geschafft zu haben, was bisher nur in Träumen vorkam.   Träume sind dazu da um sie zu verwirklichen, rief ich Niels aufmunternd zu. Und begann wieder zu zählen. Ein Schritt, zwei Schritt, drei Schritt…

„Ein Berg gehört dir erst wenn du wieder unten bist, denn vorher gehörst du ihm.“   Hans Kammerlander (Extrembergsteiger)

2700 Schritte

Nach acht Stunden ununterbrochener Kletterei an der physischen Leistungsgrenze, unvorstellbarem Durst und stechendem Höhen-Kopfschmerz, erreichten wir den Gipfel. Ein Zwischenziel, über das wir uns nur sehr wenig freuen konnten. Denn der Abstieg über dieselbe Wand, ohne Seilsicherung, stand noch bevor. Eine Herausforderung, die für weitere 4 Stunden unsere gesamte Konzentration erfordern würde, aber auch die einzige Möglichkeit war, den Berg sicher zu verlassen. Mit der Gewissheit jeden Meter tiefer wieder mehr Sauerstoff atmen zu können und damit an Leistungskraft zu gewinnen, kletterten wir höchst aufmerksam die 2700 Schritte in der Vertikalen bis zum Fuß der Wand zurück.

Am späten Nachmittag erreichten wir sehr erschöpft aber wohlbehalten unser Zelt an dem wir 14 Stunden zuvor aufgebrochen waren. Ein letzter Blick zurück zum Gipfel bescherte uns die Gewissheit, dort nicht mehr hinauf zu müssen, aber zu wissen, dass man oben war. (Walter Hölzler)

Erklärung:

„Zuckerschnee“                                                                                                                                                                                     Verbindungsarme Schneeschicht die zu Lawinen führen kann.

„Ein Schritt  in solch steilen Eiswand bedeutet einen Höhengewinn von durchschnittlich 30 Zentimetern.“ (WH)

„Die größte Herausforderung während der Kletterei  war, dass man sich bei den rund 5500 Schritten keinen einzigen Fehltritt leisten durfte.“ (WH)